Hakan Turan

Hakan Turan ist Gymnasiallehrer und arbeitet in der Aus- und Fortbildung von Lehrer:innen. Er schreibt Texte, in denen er gesellschaftliche Narrative hinterfragt und sich für ein realistisches Bild muslimischen Lebens in Deutschland jenseits von Klischees und Polarisierungen einsetzt.

 

In seiner Bildungsarbeit erreicht er besonders Lehrkräfte in Baden-Württemberg. Sein Ziel ist es, Verständnis zu schaffen: nicht durch theologische oder politische Debatten, sondern durch einen neuen Blick auf die Alltagsperspektiven muslimischer Schüler:innen.

Er schildert: Die meisten muslimischen Jugendlichen möchten nicht über Religion oder Herkunft streiten, sondern wünschen sich soziale Akzeptanz und Normalität. „Die zentrale Frage ist: Bin ich als das akzeptiert, was ich bin?“, so Hakan. Lehrkräfte wollten respektvoll mit Vielfalt umgehen, wüssten aber oft nicht wie. Genau dort setzt seine Arbeit an: mit der Vermittlung von Erfahrungen, Gefühlen und individuellen Kontexten – und nicht mit vereinfachten Rezepten.

Dem deutschen Bildungssystem attestiert Hakan ein zentrales Problem: Schulbücher und Unterrichtsmaterialien reproduzierten oft defizitorientierte Bilder muslimischen Lebens. Geschichten über Gewalt, kulturelle Konflikte oder Frauenunterdrückung dominierten immer noch. Dabei blieben gelungene Biografien und historische Beispiele für die gegenseitige Bereicherung der Kulturen und Religionen unsichtbar.

Auch die Ausbildung von Lehrkräften sei veraltet: „Sie ist gemacht für eine Gesellschaft, die es so nicht mehr gibt.“ Seine Forderung lautet: eine Allgemeinbildung, die mit der gesellschaftlichen Realität Schritt hält. „Viele Muslime sind längst Teil der westlichen Zivilisation – aber nur wenige sehen es“, betont er.

 
 

Während seines Engagements beobachtet Hakan, dass viele junge Muslim:innen sich zurückziehen – ausgelöst durch ausgrenzende Debatten oder persönliche Diskriminierungserfahrungen, etwa durch pauschale Zuschreibungen im Alltag oder in Medien. Besonders schmerzhaft sei der Eindruck des gesellschaftlichen Schweigens, wenn Muslim:innen Leid erfahren.

Hakan berichtet: „Ich kenne Schüler, die als Terrorist beschimpft wurden und niemandem davon erzählen. Aus Angst, dass es schlimmer werden könnte.“ Angesichts solcher Erlebnisse hebt er hervor, wie wichtig es ist, Diskriminierungserfahrungen nicht zu tabuisieren, sondern sie anzusprechen – im geschützten Rahmen, ohne gleich gesellschaftliche Gräben zu vertiefen. „Manchmal ist es echter Rassismus. Oft aber sind es nur Denkfehler oder Missverständnisse. In beiden Fällen können wir etwas tun – aber nur, wenn wir reden“, ist Hakan überzeugt.

Sein persönlicher Ansatz: heraus aus der Opferperspektive, hin zur Vermittlerrolle. Er ermutigt junge Muslim:innen, aktiver Teil der Lösung zu sein, auch wenn dies schwierig scheint: „Wenn wir rausgehen, wenn wir mitgestalten, wenn wir über uns sprechen – dann kann sich etwas ändern.“

Doch auch die Mehrheitsgesellschaft sei gefordert: Offenheit, Differenzierung und echtes Zuhören seien Grundvoraussetzungen. Wer über Muslim:innen spreche, sollte selbst auch mit diesen im Gespräch sein – nicht nur im Kontext von Problemen, sondern als Teil einer modernen, vielfältigen Gesellschaft.

 
Viele Muslime sind längst Teil der westlichen Zivilisation – aber nur wenige sehen es.
 

Hakans Appell ist: Bildung braucht neue Perspektiven. Gesellschaft braucht Weite und gegenseitige Solidarität. Und junge Muslim:innen brauchen die Ermutigung, sichtbar im Hier und Jetzt zu bleiben. Denn: „Nur wer bleibt, kann etwas verändern.“

Zurück
Zurück

Erdal Tekin

Weiter
Weiter

Heider Younas