Shahnura Kasim

Shahnura Kasim ist 22 Jahre alt und arbeitet im Restaurant Yipek-Yoli, das ihre Eltern betreiben. Es ist das erste und einzige uigurische Restaurant in Stuttgart. 2024 wurde es in der Marienstraße eröffnet.

 

Die Familie lebte ursprünglich in München und wollte dort ein Lokal eröffnen, traf dann aber die Entscheidung, sich in anderen Städten umzuschauen, in denen es keine uigurischen Restaurants gibt. So kam man dann nach Stuttgart. Der Familie geht es nicht nur um den Verkauf guter Speisen, sondern um mehr: Mit dem Restaurant möchte sie hauptsächlich ihre Kultur bekannt und die Gäste neugierig auf Geschichte, Traditionen und das Leben der Uigur:innen machen. Das soll auch der Name des Restaurants ausdrücken – Yipek-Yoli heißt ins Deutsche übersetzt „Seidenstraße“, also so wie ein bekannter Handelsweg durch ganz Zentralasien. Von dort stammen die Uigur:innen und leben zum Teil in dem Gebiet. Und deswegen schien der Name als eine kleine Orientierungshilfe für die Gäste geeignet zu sein. 

Immer wieder kommt es vor, dass Gäste mit Shahnura ins Gespräch über die Situation der Uigur:innen kommen. Dann findet so etwas wie ein Kulturaustausch statt. Ukrainer:innen, Palästinenser:innen und Menschen aus afrikanischen Ländern zögen manchmal Parallelen zum eigenen Schicksal in ihren jeweiligen Heimatländern und teilten ihr mit: „Hey, wir sehen euch, wir sehen euer Leid. Das ist das, was uns beide verbindet“. Denn als turksprachige und überwiegend muslimische Ethnie erfahren die Uigur:innen in der Region Xinjiang massive Repression durch die chinesische Zentralregierung und werden zur Assimilation gezwungen.

 
 

Das Restaurant erfährt viel Zuspruch. Viele Gäste würden es als Bereicherung für Stuttgart ansehen. Das Leben in der Stadt findet Shanhura im Großen und Ganzen gut und sie hat bisher kaum schlechte Erfahrungen gemacht. „Meine Meinung ist immer leben und leben lassen. Jeder soll so leben, wie er möchte“, betont sie und fügt hinzu: „Solange wir uns gegenseitig respektieren, unsere Grenzen kennen und uns so akzeptieren, wie wir sind, gibt es eigentlich nirgendwo Probleme“. Ihrer Meinung nach sei dies im Zwischenmenschlichen das Wichtigste. Shahnura macht aber auch deutlich: Die Stuttgarter Stadtgesellschaft könne die Teilhabe von Muslim:innen mehr fördern. Es brauche mehr Aufklärungsarbeit zum Islam und muslimischen Leben, zum Beispiel zum Tragen des Kopftuchs. Viele Menschen würden dies direkt mit Zwang verbinden, ohne sich für die eigentliche Motivation der Frauen zu interessieren. 

Im Yipek-Yoli sei die Gastfreundschaft zentral, erklärt Shahnura. Ein Großteil der Kundschaft sei muslimisch geprägt und nicht selten fragten Gäste danach, ob sie im Restaurant das jeweilige Ritualgebet verrichten können. Man habe zwar keinen Raum, aber eine kleine Ecke zum Beten, die mit Gebetsteppichen ausgestattet ist. Es komme auch immer wieder vor, dass Muslim:innen diese Gelegenheit zur Verrichtung des Gebetes nutzen, obwohl sie nicht zum Essen bleiben. „Die kommen, beten kurz und gehen dann wieder“, sagt sie. Aber es lohne sich auf jeden Fall einmal zum Essen zu kommen, weil die Speisen nicht nur lecker, sondern einfach eine Besonderheit seien. Neben verschiedenen Fleischgerichten gehören handgezogene Nudeln zu den Spezialitäten des Hauses. 

 
Meine Meinung ist immer: leben und leben lassen. Jeder soll so leben, wie er möchte.
 

Die uigurische Gemeinde in Deutschland ist sehr klein. Shahnura spricht von etwa 2.000 Uigur:innen. Und dennoch oder vielleicht gerade deshalb habe man es sich mit dem Restaurant auch zur Aufgabe gemacht, etwas zu vermitteln. Die Menschen sollen wissen, „die Uiguren haben eine sehr starke, prachtvolle Kultur“, die nicht vergessen werden dürfe, betont Shahnura.

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Ramazan Kara

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Merve Kayıkçı