Besim und Milaim Limani
Besim und Milaim Limani sind Brüder. Ihre Wurzeln liegen im Kosovo. In Deutschland lebt Besim seit 1992. Milaim kam vier Jahre später. Während Besim in der IT-Branche arbeitet, ist Milaim als Projektleiter in der Elektronikentwicklung tätig. Beide sind im Vorstand des Islamisch-Albanischen Zentrums Stuttgart aktiv. Besim ist dort Vorsitzender, sein Bruder Milaim Koordinator der Jugendarbeit.
Beide empfinden das Leben in Stuttgart als sehr bereichernd. „Stuttgart ist meine Heimat“, betont Milaim Besim erklärt: „Man hat hier Möglichkeiten, sich einzubringen, wenn man denn will. Und doch muss man immer wieder erklären, wer man ist, obwohl man längst dazugehört. Es gibt viel Offenheit, aber gleichzeitig auch Unsicherheiten und Vorurteile, vor allem, wenn es um Sichtbarkeit und Verständnis für muslimisches Leben hier geht. Da bestehen noch Herausforderungen. Mut machen jedoch viele Begegnungen und der Dialog.“
Dennoch beklagen beide Brüder die einseitige Wahrnehmung muslimischen Lebens, bedingt durch negative Schlagzeilen und Klischeedenken. „Muslimisches Leben ist längst Teil dieser Stadt. Was manchmal fehlt, ist die Erzählung davon“, benennt Besim das Problem. Es brauche mehr Aufmerksamkeit für die Lebensrealitäten und den Alltag der Muslim:innen, die sich einbringen und Verantwortung übernehmen, erklärt er weiter. Milaim berichtet darüber, dass die Stadt Stuttgart vor knapp 20 Jahren ein Projekt zur interkulturellen Öffnung der islamischen Gemeinden Stuttgarts durchgeführt habe. Daraus seien viele andere kleine Plattformen entstanden. Das wichtigste Ergebnis sei der Arbeitskreis der Muslim:innen, durch den der Kontakt zu städtischen Einrichtungen etwas intensiviert wurde. In die Pflicht nimmt er die muslimische Community: „Wir müssen uns an die eigene Nase fassen. Wir sind nur punktuell vertreten, weil wir auch nur punktuell zusammenarbeiten. Zwar gibt es innerhalb der muslimischen Gemeinden zeitlich begrenzte Projekte. Jedoch mangelt es an strukturierter Zusammenarbeit zwischen den muslimischen Gemeinden. Wir müssen uns als muslimische Bevölkerung mehr zusammenschließen, Plattformen schaffen, damit es uns gelingt, als eine Einheit aufzutreten und auch so wahrgenommen zu werden.“
Sowohl Besim als auch Milaim wünschen sich mehr politisches Engagement von Muslim:innen auf verschiedenen Ebenen und in unterschiedlichen Bereichen. Vor allem fordern sie Muslim:innen auf, sich an Wahlen zu beteiligen. Das sei das Mindeste, was man tun könne. Die Stuttgarter Stadtgesellschaft sollte nach Ansicht der beiden Brüder Muslim:innen dabei helfen, auf Augenhöhe zu partizipieren. Besim erklärt: „Für mich bedeutet Teilhabe nicht nur an einem Tisch zu sitzen und vielleicht zu irgendwelchen Themen mitzureden, sondern Teilhabe ist tatsächlich mitgestalten zu dürfen. Die Stadtgesellschaft kann das ermöglichen, indem sie einfach zuhört, einlädt, mitgestalten und mitdiskutieren lässt – und zwar auf Augenhöhe. Das ist wichtig und zeigt Wertschätzung. Man braucht einfache, niederschwellige Zugänge zu Beteiligungsprozessen und die Bereitschaft, gemeinsam an Lösungen zu arbeiten.“ Milaim fügt hinzu: „Ganz wichtig ist, dass die Muslime als Stuttgarter Bürgerinnen und Bürger gesehen werden und nicht als Migranten. Wir haben die Erwartung, dass man Diskussionen auf Augenhöhe führt“.
Für Besim und Milaim spielt der Glaube eine große Rolle im Leben auch im Hinblick darauf, Verantwortung zu übernehmen. „Mein Glaube fordert mich auf und fördert mich dabei, aus meiner Welt hinauszugehen und die Mitmenschen zu suchen, die Zusammenarbeit zu stärken“, sagt Milaim in diesem Zusammenhang.
„Muslimisches Leben ist längst Teil dieser Stadt. Was manchmal fehlt, ist die Erzählung davon.“
Mit Blick auf die immer wiederkehrende Integrationsdebatte sind die beiden Brüder der Meinung, dass die Gesellschaft oft nicht erkenne, was Migrant:innen und ihre Organisationen bereits alles für die Integration leisteten. Es fehle oft an Wertschätzung und den nötigen Rahmenbedingungen. „Wann ist ein Mensch, eine Gruppe, eine Gesellschaft bereit, sich irgendwo zu integrieren, mitzumachen und zu partizipieren? Dann, wenn sie sich wohlfühlen, dann, wenn sie sich zu Hause fühlen. Wenn die Zugehörigkeit nicht bloßes Lippenbekenntnisse bleibt, sondern sie tatsächlich fühlen, dass diese Stadt ihre Heimat ist“, erklärt Besim und fährt fort: „Dann hat man Menschen, die glücklich sind in einer Stadt, in einer Gesellschaft. Mit denen ist viel einfacher zu arbeiten als mit Menschen, die sich nicht wohlfühlen, die sich zurückziehen und in Blasen leben. Und genau das wollen wir nicht. Genau das versucht ja eine Moscheegemeinde zu erreichen.“