Hatice Ciftci-Özdemir
Hatice Ciftci-Özdemir lebt in Stuttgart und arbeitet seit etwa vier Jahren als Gesundheits- und Krankenpflegerin in der Notaufnahme. In ihrem Berufsalltag erlebt sie als eine der wenigen kopftuchtragenden Frauen in ihrem Bereich täglich das Spannungsfeld zwischen religiöser Identität und gesellschaftlichen Vorurteilen.
Muslimisches Leben in Stuttgart wird aus ihrer Sicht durch Veranstaltungen und Vereine sichtbar und prägt das Stadtbild. Trotzdem hat Hatice das Gefühl, dass es im Alltag im Stadtbild nicht immer ausreichend wahrgenommen wird, sondern vieles in den eigenen Kreisen bleibt. In der Politik oder in den Medien sei muslimisches Leben jedoch nicht ausreichend sichtbar. Ihr fehlen Orte der Begegnung für alle, egal ob jung oder alt, muslimisch oder nicht-muslimisch, einheimisch oder neu hergezogen. Es brauche Orte, an denen man ins Gespräch kommt und gemeinsam etwas gestalten kann, ist sie überzeugt. Auch aktive muslimische Stimmen in der Politik und Verwaltung gehörten aktiv dazu. Denn jeder Austausch mache einen Unterschied.
An ihrem Arbeitsplatz macht Hatice die Erfahrung, dass sie zwar Respekt erfährt, aber oft nur als Repräsentantin ihres Glaubens gesehen wird. Besonders die jüngere Generation sieht sie in der Pflicht, das Muslimsein aktiv zu leben. Denn durch positives Handeln könne man viele Vorurteile abbauen.
Auch das Verhalten im Alltag sei eine wichtige Repräsentation des Muslimseins. Sie selbst werde bei der Arbeit häufig mit Aggressivität konfrontiert, unter anderem auch von Patient:innen mit Migrationshintergrund, die jede Verzögerung im Ablauf sofort in rassistische Diskriminierung umdeuteten. Da mache es keinen Unterschied, dass sie als Hatice Ciftci-Özdemir als Muslima erkennbar ist. Dieses schnelle Verfallen in die „Opferrolle“ kritisiert sie deutlich. „Manche nutzen Rassismus als Vorwand für ihre eigene Ungeduld.“, beobachtet sie. Wenn Menschen wegen organisatorischer Wartezeiten sofort eine Benachteiligung aufgrund ihrer Herkunft witterten, führe das zu einer Verhärtung der Fronten. Hatice plädiert hier für mehr Empathie und Gelassenheit: „Wer in einer vielfältigen Gesellschaft lebt, muss auch das Gegenüber verstehen und darf nicht bei jedem Konflikt sofort die Rassismuskarte ziehen.“
Ein zentrales Problem sieht sie in der mangelnden Sichtbarkeit positiver muslimischer Räume in Stuttgart. Es fehle an Orten der Begegnung, die zentral und für jeden zugänglich sind. „Die Menschen müssen uns sehen können, um zu verstehen, dass wir ganz normale Nachbarn sind“, ist Hatice überzeugt. Wenn Angebote zu weit außerhalb liegen, bleibe die Community oft unter sich, was die Distanz zur Mehrheitsgesellschaft vergrößere.
Gleichzeitig nimmt Hatice die muslimische Gemeinschaft selbst in die Verantwortung. Sichtbarkeit bedeutet für sie auch, sich im Sinne islamischer Werte zu verhalten: geduldig, freundlich und entspannt. Da Muslim:innen medial oft unter besonderer Beobachtung stünden, sei es entscheidend, durch das eigene Verhalten zu zeigen, dass die negativen Klischees nicht der Realität entsprechen. „Wir dürfen nicht sofort aggressiv reagieren, wenn uns etwas nicht passt.“ Vielmehr hat sie eine andere Empfehlung an Muslim:innen: „Wir müssen zeigen, dass wir keine schlechten Menschen sind.“
„Wir müssen zeigen, dass wir keine schlechten Menschen sind.“
Ihr Appell richte sich an beide Seiten: Es brauche Räume für echte Begegnungen, um Vorurteile abzubauen, aber es braucht auch eine Community, die selbstbewusst und friedfertig auftritt, statt sich in der Defensive zu verlieren. Nur durch Normalität im Umgang und den Mut zur Selbstkritik könne ein echtes Miteinander entstehen.