Respektlotsen
Seit 2020 gibt es in Stuttgart das Projekt Respektlotsen. Das sind junge Menschen im Alter zwischen 16-26 Jahren, die im Auftrag der Landeshauptstadt ehrenamtlich mit Jugendlichen und Erwachsenen über ein respektvolles Miteinander sprechen. Einsatzorte sind der öffentliche Raum und Freibäder. Das Projekt ist ein Kooperationsprojekt der Abteilung Kommunale Kriminalprävention, im Referat Sicherheit, Ordnung und Sport und der Abteilung Integrationspolitik, im Referat, Soziales, Gesundheit und Integration mit Partnern aus der Jugendarbeit. Die Ehrenamtlichen sind mehrsprachig und bringen verschiedene ethnische Hintergründe und vielfältige Erfahrungen mit.
Zu ihnen gehören Sayid Ibrahimi und Mohammad Al Qadiri, die aus Afghanistan stammen, und Hamza Al-Hussaini, der irakische Wurzeln hat. Während Sayid und Mohammed jeweils erst wenige Jahre in Deutschland leben, ist Hamza hier aufgewachsen.
Das Leben in Stuttgart empfinden die drei als nicht immer einfach. Sie machen im Alltag zwar positive Erfahrungen in der Stadt, haben allerdings auch das Gefühl, dass ihnen aufgrund ihrer Zugehörigkeit zum Islam des Öfteren mit Vorurteilen und nicht auf Augenhöhe begegnet wird, insbesondere im Arbeitsleben. Meist fehle es ihnen an Wertschätzung, Toleranz und Anerkennung als Muslime und gegenüber dem, was zu ihrem religiösen Leben dazugehört. Sie würden sich mehr Offenheit und Verständnis seitens der Stadtgesellschaft wünschen. Diese Rückmeldungen erhalten sie auch als Respektlotsen, wenn sie mit anderen Muslim:innen ins Gespräch kommen.
Für Mohammad ist muslimisches Leben in Stuttgart bereits sichtbar, könnte aber noch sichtbarer werden. So würde er sich darüber freuen, wenn es noch stärker zur Normalität des Alltags gehören würde und er mehr Möglichkeiten hätte, seinen Glauben zu leben. „Nationalität oder der eigene Glaube sind persönliche Angelegenheiten“, meint Mohammad und ergänzt: „Die Menschen sind alle gleich, egal ob sie schwarz, weiß oder männlich, weiblich sind. Alle sollen die gleichen Chancen haben.“
Hamza sieht Nachholbedarf bei der Präsenz von Muslim:innen. Gerade in staatlichen Institutionen seien Muslim:innen kaum repräsentiert. Aber auch beim Blick auf die Hierarchiepyrammide in Unternehmen stelle man fest, dass kaum Muslim:innen in Leitungspositionen vertreten seien. Und das könne kein Zufall sein. Es gebe aber auch eindeutig positive Entwicklungen. Hamza erklärt: „Wenn wir zum Vergleich auf die Vergangenheit blicken, sehen wir: Die Gastarbeitergeneration kam nach Deutschland und hat als Hilfskraft oder Pflegekraft gearbeitet. Deren Kinder studieren jetzt Jura oder Medizin. Diese Entwicklung ist schon relativ gut. Es gibt viel mehr Anwälte und Ärzte, die Muslim:innen sind, viel mehr Muslim:innen in hohen Stellen. Man muss sagen, vor zehn oder fünfzehn Jahren war es anders.“
Trotzdem berichtet Sayid davon, dass es für Muslim:innen immer noch schwieriger ist, in Ausbildung oder Arbeitsleben voranzukommen. Er sagt: „Als Muslim kannst du locker arbeiten, aber in guten Bereichen bekommst du keine Chance.“ Als er in der Pflege tätig war, habe er Wertschätzung für seine Arbeit vermisst.
Alle drei sind überzeugt, dass sie durch ihr Engagement als Respektlotsen auch zu einem besseren Verständnis für muslimisches Leben in Stuttgart beitragen können. Mohammad etwa betont: „Meine Aufgabe als Muslim ist, dass ich der Gesellschaft, in der ich lebe, zeige, dass es gute Menschen auch von anderen Religionen oder Nationen gibt. Dass ich anderen zeige, was ich tue. Wenn ich als Respektlotse unterwegs bin und ein freundliches Gespräch habe, werde ich manchmal auch nach meiner Herkunft und nach meiner Religion gefragt. Dann sage ich, dass ich aus Afghanistan komme und Muslim bin. Dadurch kann ich zeigen, dass Muslime hier etwas Gutes tun.“ Auch Hamza sieht durch seine Tätigkeit als Respektlotse die Möglichkeit, das Bild von Muslim:innen zu verändern, besonders bei Menschen, die zuvor wenig mit Muslim:innen zu tun hatten. Sehr positiv in Erinnerung geblieben ist ihm ein längeres und sehr interessiertes Gespräch mit einem Mann, der ihn danach sogar zum Essen eingeladen hat. Für Sayid ist es wichtig, dass sie als Respektlotsen auch Vorbilder für andere Muslime sind. „Wenn wir mit denen über Respekt reden, dann freuen die sich, weil wir sie verstehen. Keiner redet sonst freundlich mit ihnen auf der Straße. Und viele wissen nicht, dass man als Muslim auch Respektlotse für die Stadt sein kann.“
„Unsere Aufgabe als Muslime ist, dass wir der Gesellschaft, in der wir leben, zeigen, dass es gute Menschen auch von anderen Religionen oder Nationen gibt.“
Was würden die Respektlotsen anderen jungen Muslim:innen mitgeben? Für Mohammad ist wichtig: „Ein guter Muslim sollte gute Sachen tun und nicht einfach reden.“ Für Hamza bedeutet Muslim zu sein: „Ein guter Mensch sein, ehrlich, hilfsbereit, offen, freundlich. Zuerst fängt man in der Familie an und geht so weiter.“ Sayid betont: „Wir sollten unseren Eltern, Geschwistern, unserer Familie Respekt zeigen.“ In Afghanistan ist das normal. In Deutschland fehlt ihm das. Alle drei betonen: „Respekt ist ein großer Teil von unserer Religion.“