Sabrine Gasmi-Thangaraja
Sabrine Gasmi-Thangaraja arbeitet beim Caritasverband für Stuttgart und leitet den Bereich Migration und Integration. In ihrer Funktion als Bereichsleiterin verantwortet sie auch die Zusammenarbeit mit der Stadt Stuttgart. Dabei greifen Themen wie Religion, Integration und Diversität oft ineinander. Durch ihre Position bringt sie regelmäßig Perspektiven aus muslimischen und migrantischen Lebensrealitäten in Verwaltungs- und Entscheidungsprozesse ein. Sie beschreibt sich selbst als politisch interessiert und sozial engagiert, als jemand, der Brücken zwischen Institutionen und der Lebenswirklichkeit vieler Stuttgarter:innen schlagen möchte. „Ich bin überzeugt, Begegnung schafft Verständnis“, betont sie.
Ein zentrales Thema für Sabrine ist Repräsentation. Sie beobachtet, dass es in Stuttgart bislang nur wenige sichtbare Vorbilder für junge Muslim:innen gibt. Wenn eine Frau mit Kopftuch oder jemand mit Migrationsgeschichte im Gemeinderat säße, dann würde dies eine klare Botschaft senden. So würden dann auch Vorbilder entstehen, ist sie überzeugt. Das Fehlen dieser Menschen empfindet sie als strukturelles Problem. In der Gesellschaft sichtbare erfolgreiche Muslim:innen, mit denen sie sich identifizieren konnte, habe sie auch in ihrer eigenen Kindheit vermisst. „Wenn ich zurückdenke, was mir gefehlt hat, dann sind das tatsächlich Vorbilder. Mir haben einfach Leute gefehlt, die quasi überall sind. Und da hätte die Stadtgesellschaft offener sein müssen“, erklärt sie.
Sabrine betont, dass die Stadtgesellschaft Menschen mit muslimischem Hintergrund gezielter ansprechen und motivieren müsse, sich einzubringen – politisch wie gesellschaftlich. Dabei gehe es nicht um symbolische Gesten, sondern um echtes Interesse und nachhaltige Beteiligung. „Zuhören und Leute sprechen lassen“, erklärt sie, sei essenziell. Als gelungenes Beispiel nennt sie das Netzwerk Local Diversity, das Menschen mit Migrationsgeschichte ermutigt, in Parteien mitzuarbeiten und politische Verantwortung zu übernehmen.
Sichtbarkeit und offene Räume hält Sabrine für wichtig für religiöses Leben. Während Moscheen in ihrer Kindheit oft versteckt und unscheinbar gewesen seien, wünscht sie sich heute Orte, die für alle zugänglich und einladend sind. Solche sichtbaren Räume förderten Dialog und gegenseitiges Verständnis. Wird Religion hingegen an den Rand gedrängt, entstünden Unkenntnis, Vorurteile und Ängste, ist Sabrine überzeugt.
Ein besonderes Anliegen ist ihr die Frage nach familiärer Verantwortung. Sie spricht von der Spannung zwischen kulturellen Erwartungen – etwa der tief verankerten Fürsorgepflicht – und den Anforderungen des modernen Arbeitslebens. Viele in ihrer Generation, sagt sie, stünden zwischen diesen Welten: engagiert im Beruf, aber auch verantwortlich für Angehörige, oft über Landesgrenzen hinweg. Sie wünscht sich, dass Politik und Verwaltung diese Lebensrealitäten stärker berücksichtigen und Menschen mit Pflegeverantwortung gezielt unterstützen.
„Ich bin überzeugt, Begegnung schafft Verständnis.“
Auch die mediale Darstellung von Muslim:innen liegt ihr am Herzen. Sabrine kritisiert, dass negative Schlagzeilen noch immer überwiegen, während positive Geschichten selten erzählt werden. Plattformen wie Instagram hätten bereits geholfen, Vielfalt in Werbung und Öffentlichkeit sichtbarer zu machen – doch sie wünscht sich mehr inhaltliche muslimische Präsenz, etwa in Podcasts, Talkshows oder Reportagen zu allgemeinen gesellschaftlichen Themen.