Aysel Özdemir

Aysel Özdemir ist eine sehr engagierte und vielseitige Muslima. Sie ist muslimische Seelsorgerin und Sozialarbeiterin in den Justizvollzugsanstalten Stuttgart und Hohenasperg. Dort begleitet sie Inhaftierte sowohl seelsorgerisch als auch psychosozial. Ehrenamtlich engagiert sie sich als Koordinatorin für Seelsorge am Klinikum Stuttgart, im Team der Initiative Wasenboje, einem Safer Space für Mädchen und Frauen auf dem Cannstatter Wasen, sowie im Frauenforum Stuttgart. Zudem ist sie gesellschaftspolitisch aktiv und setzt sich für die Sichtbarkeit muslimischer Frauen im öffentlichen Raum ein. An der Universität Tübingen arbeitet sie am EIBOR in einem Projekt mit, das pflegerische Inhalte im muslimischen Kontext in den Lehrplan des Religionsunterrichts an berufsbildenden Schulen integriert. So verbindet sie Praxis, Ehrenamt und Wissenschaft und leistet einen wichtigen Beitrag zu Seelsorge, Integration und kultursensibler Pflege.

 

Das Leben als Muslima in Stuttgart ist für Aysel von Vielfalt geprägt. Einerseits erlebt sie Offenheit und viele Begegnungen, die von Respekt und gegenseitigem Interesse getragen sind. Andererseits gebe es Momente, in denen sie spürt, wie Vorurteile oder einseitige Bilder von Muslim:innen den Alltag prägten. „Gerade in einer Stadt wie Stuttgart, die so international ist, wünsche ich mir noch mehr Selbstverständlichkeit im Miteinander, sodass Religion nicht als Abgrenzung, sondern als Bereicherung gesehen wird“, sagt sie. 

 
 

Muslimisches Leben sei durch Moscheen, Kulturvereine oder Initiativen durchaus sichtbar. Dennoch habe sie manchmal den Eindruck, dass diese Sichtbarkeit nicht automatisch mit Teilhabe gleichbedeutend sei. „Oft bleiben wir unter uns, in eigenen Räumen“, so Aysel. Es fehle an mehr offenen Begegnungsorten und Plattformen, wie zum Beispiel der Nachbarschaftshilfe oder Feuerwehr, wo Muslim:innen nicht nur für sich, sondern mit anderen sichtbar sind, sei es in der Kultur, in der Politik oder auch in städtischen Diskursen, erklärt Aysel. Muslim:innen sollten ihrer Meinung nach stärker aktiv auf die Gesellschaft zugehen, in Schulen, Vereinen, Nachbarschaften, aber auch in politischen Räumen. Sichtbarkeit bedeute schließlich auch Verantwortung: „Wir können Brücken bauen, indem wir uns nicht nur um ‚unsere‘ Themen kümmern, sondern Teil der größeren Stadtgemeinschaft werden. Dazu gehört z. B. Engagement im sozialen Bereich, im Umweltschutz oder auch in kulturellen Projekten“, wie Aysel betont. 

Die Stadt wiederum könne ihrer Meinung nach gezielt mehr Räume für Begegnung schaffen. Wichtig wäre, Muslim:innen als aktive Gestalter:innen in Entscheidungsprozesse einzubinden. Dabei hält Aysel die Bildungsarbeit für zentral, denn Vorurteile entstünden oft aus Unwissenheit. Programme, die Begegnung und Dialog fördern, könnten helfen, ein realistisches und vielfältiges Bild vom muslimischen Leben zu vermitteln, meint sie. In den Bereichen Politik und Verwaltung seien Muslim:innen in Stuttgart nach ihren Beobachtungen kaum präsent. Darin sieht Aysel verlorene Ressourcen für die Stadtgesellschaft, die besser genutzt werden könnten. 

Durch ihre Arbeit mit Menschen in schwierigen Lebenslagen, sei es Krankheit, Einsamkeit oder Haft werde ihr immer wieder vor Augen geführt, wie wichtig Empathie und Zuhören seien, erklärt sie. In diesen Situationen spiele es oft keine Rolle, ob jemand muslimisch, christlich oder konfessionslos sei. „Ich erlebe, dass Spiritualität und menschliche Nähe verbinden. Gleichzeitig erfahre ich, dass meine muslimische Identität für manche eine Brücke ist, durch die sie sich besser verstanden fühlen“, sagt Aysel. Mit ihrer Arbeit möchte sie zeigen, dass muslimisches Leben vielfältig, verantwortungsbewusst und mitten in der Gesellschaft verankert ist. 

 
Ich kann Dialogräume öffnen und dazu beitragen, dass Muslim:innen nicht nur als „anders“, sondern als Teil der gemeinsamen Stadtgesellschaft wahrgenommen werden.
 

Indem sie in politischen Räumen, aber auch in der Seelsorge präsent sei, vermittle sie ein Bild jenseits von Klischees. „Ich kann Dialogräume öffnen und dazu beitragen, dass Muslim:innen nicht nur als „anders“, sondern als Teil der gemeinsamen Stadtgesellschaft wahrgenommen werden“, erklärt Aysel. Jungen Muslim:innen empfiehlt sie mit Nachdruck, sich gesellschaftlich und auch politisch zu engagieren. Sie sollten ihre Rechte in einem demokratischen Rechtsstaat kennen und nutzen. Die Teilnahme an Wahlen sei enorm wichtig, wie sie betont und ergänzt: „Schaut in den Vereinen in euren Orten, was ihr machen könnt! Welche Möglichkeiten habt ihr? Welche Ausbildung könnt ihr machen? Holt euch Hilfe! Ihr habt so viele Möglichkeiten hier in Stuttgart; in anderen Städten ist dies gar nicht möglich.“

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Dr. Saffet Özkaya