Kreshnik Bickaj
Kreshnik Bickaj ist 26 Jahre alt, studiert Medizin und lebt seit seinem vierten Lebensjahr in Deutschland. Aufgewachsen mit kosovarischen Wurzeln, engagiert er sich seit Jahren in vielfältigen zivilgesellschaftlichen Projekten – sowohl innerhalb muslimischer Kontexte als auch weit darüber hinaus: in Moscheegemeinden, bei Jugendprojekten, Anti-Radikalisierungs-Workshops, mit den Maltesern oder im Avicenna-Studienwerk.
In seinem Alltag als angehender Arzt erlebt er, wie unterschiedlich Zugehörigkeit je nach Umfeld empfunden werden kann. In diversen Teams und Gruppen fühlt er sich willkommen. In eher homogenen Kollegien hingegen hat er oft das Gefühl, sich kulturell und sprachlich anpassen zu müssen, um nicht anzuecken. Diese Erfahrung prägt seinen Blick auf Teilhabe – und auf das, was auf dem Weg dahin fehlt.
Denn obwohl etwa zehn Prozent der Bevölkerung in Stuttgart muslimisch sind, sieht Kreshnik wenig davon im öffentlichen Leben. In städtischen Institutionen, Jugendringen oder in der sozialen Infrastruktur seien Muslim:innen kaum vertreten. Stuttgart wirke in dieser Hinsicht konservativer als Städte wie Köln oder Mannheim. „Es fehlt nicht an Muslim:innen – es fehlt an Räumen, wo sie mitgestalten dürfen“, sagt er.
Kreshnik beobachtet, dass Muslim:innen im öffentlichen Raum oft auf bestimmte Rollen reduziert werden. Eine Frau mit Kopftuch als Reinigungskraft? Kein Problem, wird so akzeptiert. Als Lehrerin oder gar Richterin? Schon schwieriger. „Je weiter nach oben es in der Hierarchie geht, desto mehr nimmt oft auch die Diversität ab, das sehe ich auch vor allem im Krankenhaus, wo fast ausschließlich weiße, alte Männer die Leitungspositionen innehaben.
Trotz solcher Hürden plädiert Kreshnik für einen Perspektivwechsel – auch innerhalb der muslimischen Community: „Sichtbarkeit bedeutet nicht nur gesehen zu werden. Es bedeutet, mitzumachen.“ Muslim:innen sollten sich nicht auf religiöse Räume beschränken, sondern sich aktiv in politische, soziale und kulturelle Kontexte einbringen. Nur wer teilhat, könne auch mitgestalten.
Gleichzeitig sieht er aber auch die Mehrheitsgesellschaft in der Verantwortung: Es brauche mehr als Toleranz – nämlich echte Offenheit, aktiven Antirassismus und den Mut, bestehende Machtverhältnisse zu hinterfragen. „Wir müssen aufhören, Menschen nach kultureller Passung zu beurteilen. Qualifikation und Charakter sollten zählen – nicht Namen oder Herkunft.“
Kreshnik wünscht sich Räume der Begegnung – niedrigschwellig, offen. Ob im Sport, in der Nachbarschaft oder durch soziale Projekte: Es gehe darum, einander kennenzulernen, statt übereinander zu reden. „Nur wenn wir wirklich in Kontakt kommen, entsteht aus dem Nebeneinander ein Miteinander.“
„ Wer sich beteiligt, kann mitgestalten. Und wer mitgestaltet, kann irgendwann nicht mehr übersehen werden.“
Sein Appell: Muslimische Stimmen sichtbar machen – nicht nur als Reaktion auf Vorurteile, sondern als selbstverständlicher Teil der Gesellschaft. Denn: „Wer sich beteiligt, kann mitgestalten. Und wer mitgestaltet, kann irgendwann nicht mehr übersehen werden.“