Aysun Pekal
Aysun Pekal lebt seit ihrer Kindheit in Deutschland und bewegt sich heute viel in Stuttgart – beruflich, gesellschaftlich, zivilgesellschaftlich. Sie leitet den Vorstand des Sozialdiensts muslimischer Frauen (SmF) in Stuttgart und ist in dieser Rolle über die Stadt hinaus bekannt und unterwegs.
Da Aysun selbst kein Kopftuch trägt, ist ihre muslimische Identität für andere meist nicht sichtbar. Genau diese Unsichtbarkeit prägt ihre Wahrnehmung: Während sie selbst kaum direkte Diskriminierung erfahre, beobachte sie sehr deutlich, wie Frauen mit Kopftuch im öffentlichen Raum angeschaut oder kommentiert werden. Erst als sie einmal mit kopftuchtragenden Kolleginnen im Bundestag unterwegs war, habe sie selbst gespürt, wie intensiv diese Blicke sein können. „Ich weiß jetzt, wie ihr euch fühlt“, sagte sie damals – und versteht seither die Realität vieler muslimischer Frauen noch besser.
Trotz dieser Herausforderungen beschreibt Aysun Stuttgart als eine Stadt, die sich für ihre muslimische Bevölkerung öffne. Besonders die Integrationsabteilung hebt sie immer wieder hervor als Ort, an dem Begegnung auf Augenhöhe möglich und an dem muslimisches Engagement ernst genommen werde. Stuttgart sei eine Großstadt, die Strukturen geschaffen habe, um miteinander zu arbeiten – über Verbände, Arbeitskreise und zivilgesellschaftliche Netzwerke hinweg.
Doch diese guten Ansätze reichten ihr zufolge nicht aus. Rund zehn Prozent der Stuttgarter Bevölkerung ist muslimisch – ihre Sichtbarkeit im öffentlichen Leben, in Vereinen oder städtischen Gremien bleibe dennoch begrenzt. Für Aysun liegt der Grund klar auf der Hand: Es fehle an struktureller Förderung. Die muslimische Verbandslandschaft arbeite überwiegend ehrenamtlich; professionelle Öffentlichkeitsarbeit, kontinuierliche Gremienarbeit oder die Einrichtung dauerhafter Ansprechpartner:innen seien unter diesen Bedingungen kaum machbar, erklärt sie. Und weiter: „Ehrenamt kann viel, aber nicht dauerhaft das leisten, was eigentlich hauptamtlich getragen werden müsste.“
Besonders für Frauen und Jugendliche fordert sie deshalb Resonanzräume – sichere, zugängliche Orte, an denen muslimische Frauen sich austauschen, ihre Perspektiven einbringen und junge Menschen eigene Ideen entwickeln können. Fehlen diese Räume, wichen Jugendliche auf digitale Alternativen aus, die nicht immer unproblematisch seien. Prävention beginne deshalb bei echter Teilhabe.
Ihr Engagement für Frauen, Jugend und Familien entstand aus einer langen persönlichen Entwicklung mit Stationen wie Elternbeiräten, Schulvereinen, später in Moscheegemeinden – und immer getragen von dem Wunsch, gesellschaftlich mitzuwirken. Herausforderungen in männerdominierten Verbandsstrukturen hätten sie nicht entmutigt, sondern gestärkt: „Jede Schwierigkeit war eine Chance, weiterzumachen“, betont sie. So entstand schließlich ihr Einsatz dafür, Frauen Führungsrollen und Mitsprache in muslimischen Organisationen zu ermöglichen.
„Nur mit struktureller Förderung, echter Augenhöhe und einem Nachteilsausgleich können muslimische Organisationen die Qualität und Nachhaltigkeit ihrer Arbeit sichern.“
An Stuttgart schätzt sie besonders, dass Frauen hier empowered würden – weit mehr als in ländlichen Regionen – und dass ihr Engagement von städtischer Seite ausdrücklich unterstützt werde. Doch ihr Appell an die Stadtgesellschaft bleibt eindeutig: „Nur mit struktureller Förderung, echter Augenhöhe und einem Nachteilsausgleich können muslimische Organisationen die Qualität und Nachhaltigkeit ihrer Arbeit sichern.“