Dr. Ferid Kugić

Dr. Ferid Kugić lebt seit knapp 50 Jahren in Deutschland. Zuerst in Bayern ging er nach Dortmund und kam 1990 nach Stuttgart. Der gebürtige Bosnier war über vier Jahrzehnte als Chirurg und Kinderchirurg tätig und geht inzwischen auf die 80 Jahre zu. Die gesamte lange Zeit war er in der bosnischen Gemeinde sowie im interreligiösen Dialog sehr aktiv. Bis heute bringt er sich ein, etwa als Vertreter seiner Moscheegemeinde im Stuttgarter Rat der Religionen, den er vor über zehn Jahren mitgegründet hat.

 

Im Interview erinnert sich Dr. Kugić an den langen Weg seiner 1990 gegründeten Gemeinde hin zur Sesshaftigkeit. Man habe sich zunächst organisiert, ohne Räume zu haben. Nach zwei temporär in Anspruch genommenen Räumlichkeiten kaufte die Gemeinde 2007 das Gebäude in Stuttgart-Wangen, in dem sie heute noch zusammenkommt. Die feierliche Eröffnung fand schließlich 2015 mit Gästen aus verschiedenen Religionsgemeinschaften statt. „Damals, als wir eingezogen sind, habe ich gesagt, für die nächsten 30 Jahre sind die Bosnier versorgt. Ich habe mich aber getäuscht. Nun sind diese Räume bereits zu klein geworden“, erklärt Dr. Kugić. Die Gemeinde wachse an und etwa 500 Kinder besuchten dort am Wochenende den nach Altersstufen aufgeteilten und von zwölf Lehrkräften vermittelten Islamunterricht.

 
 

Muslim:innen sind seiner Beobachtung nach in Stuttgart auf vielen Gebieten präsent, insbesondere in interreligiösen Prozessen. Allerdings falle auf, dass sie besonders in Verwaltungen, verschiedenen Vereinen und Unternehmen fehlten. So spielten Muslim:innen auch in der Politik kaum eine Rolle. „In der Politik und in der Verwaltung sind Muslime etwas vernachlässigt. Vielleicht engagieren sie sich aber auch selbst nicht ausreichend“, bemängelt Dr. Kugić. Muslim:innen sollten sich seiner Meinung nach im öffentlichen Leben mehr engagieren, damit sie sichtbar werden können. „Vor vielen Jahren habe ich gesagt, dass Muslime in Deutschland Minderwertigkeitskomplexe haben. Besonders die erste Generation ist ziemlich gehandicapt, unter anderem wegen sprachlicher Barrieren. Aber ich denke, die zweite und dritte Generation müssten sich mehr zeigen“, sagt er und erklärt weiter: „Im kulturellen und wirtschaftlichen Bereich und besonders im öffentlichem Leben. Und sie sollten sich auch mit der Politik befassen“. 

Es störe ihn ein wenig, dass Moscheegemeinden in Deutschland nach Nationalitäten separiert sind. Damit versuche jeder seine frühere Identität zu bewahren. Er habe dazu eine andere Einstellung: „Ich habe mich schon bei meiner Ankunft 1978 hier eingepflanzt und gesagt, das ist jetzt meine Heimat. Ich will hier bleiben, ich will alles von mir geben, um die Gemeinschaft mit diesem Staat und dieser Gesellschaft zu leben. So habe ich es auch gemacht. Das war meine Einstellung damals und meine Einstellung habe ich bis jetzt nicht geändert“, betont er.

 
Ich habe mich schon bei meiner Ankunft 1978 hier eingepflanzt und gesagt, das ist jetzt meine Heimat. Ich will hier bleiben, ich will alles von mir geben, um die Gemeinschaft mit diesem Staat und dieser Gesellschaft zu leben.
 

Die Stadt Stuttgart und ihre Stadtgesellschaft täten Dr. Kugić‘ Meinung nach viel, um Menschen zu integrieren. Für ihn persönlich ist das interreligiöse Zusammenleben eine Herzensangelegenheit. Damit sei er im ehemaligen Jugoslawien aufgewachsen, wo die religiösen Unterschiede bis zum Krieg keine Rolle gespielt hätten. Hier in Deutschland und insbesondere in Stuttgart konnte er sich in vielen interreligiösen Prozessen tatkräftig einbringen. Er hofft, dass die dabei geschlagenen Brücken überhand nehmen und der Islam in Deutschland irgendwann der katholischen und evangelischen Kirche oder der jüdischen Gemeinschaft ebenbürtig werden kann. „Das heißt, dass wir mit Augenhöhe sprechen können“, sagt er.

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