İsmail Çakır

İsmail Çakır ist 69 Jahre alt und lebt seit über fünf Jahrzehnten in Stuttgart. Geboren 1956 in der Türkei, kam er am 5. Februar 1972 nach Deutschland – ein Datum, das ihm bis heute präsent ist. Was als Arbeitsmigration begann, wurde für ihn zur Lebensaufgabe: zunächst als Industriearbeiter, später als selbstständiger Einzelhändler und schließlich als aktives Mitglied und Vorsitzender der DİTİB-Gemeinde in Stuttgart. Heute ist er im Ruhestand – und tief verwurzelt in seiner Wahlheimat Stuttgart.

 

İsmail Çakır lebt seinen Glauben im Alltag offen und mit Selbstverständlichkeit aus. Diskriminierung habe er persönlich nie erfahren – weder im Beruf, noch im Kontakt mit Behörden oder in der Nachbarschaft. „Wenn man ehrlich und offen auf Menschen zugeht, kommt auch etwas zurück“, sagt er. Dennoch ist ihm bewusst: Seine Erfahrung ist nicht die Regel. 60.000 Muslim:innen sind in Stuttgart zu Hause – etwa zehn Prozent der Stadtbevölkerung –, doch sichtbar sind sie seiner Meinung nach nur selten.

 
 

Er spricht von einer „Zurückgezogenheit“, die viele in seiner Community geprägt habe. Man habe sich vernetzt – aber eben oft unter sich. Was fehle, sei nicht Kompetenz oder Wille, sondern Kommunikation: der aktive Austausch mit der Mehrheitsgesellschaft. Für ihn ist klar: Integration beginnt im Kleinen – bei der Einladung zum Tee, dem offenen Gespräch mit der Nachbarin oder dem gemeinsamen Fest im Stadtteilzentrum. „Nur wenn wir uns begegnen, entsteht Vertrauen. Und Vertrauen ist die Basis für alles Weitere“, ist er überzeugt.

Doch nicht nur die muslimische Community sieht İsmail Çakır in der Verantwortung. Auch Politik, Verwaltung und Stadtgesellschaft müssten Räume schaffen, die echte Teilhabe ermöglichen. „Ghettobildung darf es nicht geben“, warnt er. Stattdessen brauche es Programme, die Menschen zusammenbringen – unabhängig von Herkunft oder Religion. „Ein gutes Miteinander braucht Nähe – und dafür muss man einander kennenlernen.“

Gerade durch seine Rolle im Vereinsleben weiß er: Der Austausch mit städtischen Stellen kann gelingen – wenn er auf Augenhöhe stattfindet. Beim Bau der neuen Moschee in Stuttgart, einem ambitionierten Projekt mit sozialen und kulturellen Angeboten, habe er durchweg gute Erfahrungen gemacht. Die Moschee werde nicht nur ein religiöser Ort, sondern ein Ort der Begegnung – ein Zeichen des Ankommens. „Dieser Bau wird helfen, dass die Identifikation der Muslime mit der Stadt steigt.“

 
Nur wenn wir uns begegnen, entsteht Vertrauen. Und Vertrauen ist die Basis für alles Weitere.
 

Mit seiner Biografie verkörpert İsmail Çakır, was gesellschaftliche Teilhabe bedeuten kann: nicht nur Dazugehören, sondern Mitgestalten. Seine Botschaft ist daher: Muslimisches Leben in Deutschland muss nicht nur toleriert, sondern als Bereicherung verstanden werden. Damit das gelingt, braucht es Offenheit – von beiden Seiten. „Denn nur, wer sich öffnet, wird auch gesehen.“

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Münevver Çakıcı

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Gül Meryem und Bayram Çalışkan