Max Heidelberger
Der Islamwissenschaftler Max Heidelberger lebt schon lange in Stuttgart. Das Leben als Muslim in Stuttgart findet er recht angenehm. Er fühlt sich nicht wirklich eingeschränkt und hat nie Erfahrungen von Diskriminierung aufgrund seines Glaubens gemacht. Mit dem äußeren Umfeld sei er ganz zufrieden, allerdings tut er sich mit der innermuslimischen Landschaft etwas schwer.
So hat er noch keine Moschee oder Moscheegemeinde gefunden, in der er sich wirklich heimisch fühlen würde. „So richtig spirituelles Heimatgefühl habe ich jetzt in den eigentlichen Einrichtungen in Stuttgart bisher noch nicht“, betont er. Dies liegt unter anderem darin begründet, dass Max muslimisches Leben nicht als ausreichend präsent empfindet. Viele Gemeinden hätten zunächst einen gewissen Heimatbezug und dann komme noch eine gewisse religiöse Ausrichtung hinzu. Er würde sich wünschen, dass man sich als erstes als deutsche Muslim:innen verstehen würde und der kulturelle oder ethnische Hintergrund sekundär wäre.
Es fehlt ihm ein wenig das Verlassen der Komfortzone und das Vordringen in die Gesellschaft. „Präsent sein heißt für mich eben auch in der Gesellschaft präsent sein“, sagt Max. Und da würde er sich mehr Sichtbarkeit sozialen Engagements von Muslim:innen wünschen. Auch sprachlich müssten sich Moscheegemeinden besser aufstellen. Es sei nach seiner Beobachtung immer noch relativ selten der Fall, dass über den Islam und über muslimische Themen auf einem sprachlichen Niveau gesprochen wird, das akzeptabel sei. Das sei nach wie vor im Austausch mit der Mehrheitsgesellschaft ein sehr großes Problem. „Man will Teil der deutschen Gesellschaft sein. Und in der Hinsicht ist die deutsche Sprache eigentlich das zentralste Vehikel“, wie Max betont.
Von der Stadtgesellschaft wünscht sich Max, dass sie die Idee eines islamischen Begegnungszentrums mit Gebetsraum im Zentrum der Stadt unterstützt. Das wäre ein gewisses Signal dahingehend, dass muslimisches Leben zu Stuttgart gehört. Zudem könnte die Stadt Veranstaltungen und Plattformen anbieten, in denen vor allem innerislamische Vernetzung stattfinden kann. Muslim:innen könnten dabei gemeinsam überlegen, wie muslimische Wohlfahrt, Betreuung im Krankenhaus, in der Seelsorge und ähnlichen zukunftsträchtigen Themen aufgebaut werden können.
„Präsent sein heißt für mich eben auch in der Gesellschaft präsent sein.“
Max Heidelberger identifiziert sich mit dem Sufismus, der mystischen Form des Islam, in der das zikr, eine Praxis des Gottesgedenkens oder der Erinnerung an Gott in der Gruppe ausgelebt wird. Dabei werden zum Beispiel religiöse Formeln oftmals und rhythmisch wiederholt. Die Sufi-Gruppe, der er angehört hat in Stuttgart keine feste Räumlichkeit. Die Treffen fänden meist am Donnerstagabend – also in der Nacht zum Freitag, der im Islam eine zentrale Rolle in der Woche einnimmt – im häuslichen Rahmen statt.
Die Stadt Stuttgart empfindet er als Angestellter in einer städtischen Einrichtung sehr positiv und bezeichnet sein Arbeitsumfeld als tolerant und offen. Seine Religionszugehörigkeit spiele im beruflichen Alltag höchstens im islamischen Fastenmonat Ramadan wirklich eine Rolle. Dann wird er mal von interessierten Kolleg:innen darauf angesprochen, aber nie abwertend. Wenn er sich mit Kolleg:innen auch außerhalb der Arbeit trifft, dann kann er – gleich wer eingeladen hat – sich zu Gebetszeiten zurückziehen und seine Gebete verrichten. Das würde man als ganz normal betrachten. „Und ich bin da nicht irgendwie der komische Typ“, schildert Max seine Beobachtungen. Diese Toleranz würde er sich gerne mehr und von allen wünschen.