Ibrahim Selek
Ibrahim Selek leitet und begleitet seit 2019 bei der Türkischen Gemeinde in Baden-Württemberg e. V. (tgbw) in Stuttgart diverse Projekte in den Bereichen Demokratiestärkung, Jugendbildung, Jugendbeteiligung sowie Empowerment, vor allem von Jugendlichen mit Migrationsgeschichte. Die tgbw setzt sich unter anderem für die Belange von diskriminierten Menschen und Minderheiten ein, so auch Muslim:innen.
Ibrahim fühlt sich als Muslim in Stuttgart wohl. Das liegt vor allem daran, dass Stuttgart eine multikulturelle und vielfältige Stadt ist. „Ich finde, dass muslimisches Leben hier sichtbar ist“, sagt er. Sichtbar sei in der Stadt auch die Vielfalt von Muslim:innen. Diese umfasse eine Vielzahl an islamischen Religionsgemeinschaften und unterschiedlich geprägte Moscheevereine. Dadurch werde muslimisches Leben präsenter und seiner Meinung nach stärker von der Stadtgesellschaft wahrgenommen.
Ibrahim würde sich einen zentral gelegenen islamischen Gebetsraum oder einen Raum der Stille wünschen. Zwar gebe es Moscheegemeinden, die man aufsuchen könne. Allerdings befänden sich diese oft am Rande der Stadt und nicht an zentralen Orten. Daher seien sie nicht immer einfach zu erreichen, erklärt er.
Ibrahim ist als Muslim in einem Arbeitsfeld tätig, in dem er sowohl mit Erwachsenen als auch mit jungen Menschen zusammenarbeitet, die sich zum Teil ebenfalls zum Islam bekennen. „Es ist auf jeden Fall eine Chance, wenn man da mit der eigenen Biographie als gläubiger, praktizierender Muslim reingeht. Da kann ich manchmal auch eine Vorbildfunktion übernehmen. Und deswegen empfinde ich es eher als eine Chance und manchmal sogar als Schlüssel, um durch manche Tür zu kommen und Menschen überhaupt zu erreichen“, betont er.
Von der Stadtgesellschaft wünscht er sich, dass sie Muslim:innen gegenüber vorurteilsfreier wird. „Wir erleben seit Jahren und immer mehr, dass der Islam und Muslim:innen in den Medien hauptsächlich kritisch thematisiert und überwiegend mit negativen Ereignissen in Verbindung gebracht werden“, erklärt er. Die Stadtgesellschaft sollte sich von diesem von den Medien vermittelten Bild nicht zu sehr beeinflussen lassen, sondern sich selbst ein Bild von Moscheegemeinden oder muslimischen Initiativen machen. „Die Stuttgarter Bevölkerung sollte Muslim:innen vorurteilsfrei begegnen und ihnen als Menschen zuhören, anstatt von Anfang an gleich zuzumachen. Und sie sollte Muslim:innen aktiv unterstützen“, meint er. Ibrahim sieht in einer solchen Haltung einen Mehrwert für alle, könnte sie doch das friedliche Zusammenleben und vielleicht auch den gesellschaftlichen Zusammenhalt fördern. „Ich sehe das als Win-win-Situation“, sagt er.
„Wir dürfen nicht vergessen: Der Islam und muslimisches Leben gehören zu
Deutschland. Wir sind Teil der Gesellschaft.“
Bei jungen Muslim:innen beobachtet Ibrahim, dass sie sich teilweise zurückziehen und nicht mehr in gesellschaftspolitischen Bereichen engagieren. Das habe etwas mit politischen Entwicklungen und Diskriminierungserfahrungen zu tun. Er selbst hadere in seiner Arbeit immer wieder mit sich selbst und hinterfrage sich: „Hey, will ich das noch? Kann ich das noch? Habe ich noch die Kraft und die Energie? Immer wieder bestimmte Themen rund um Muslim:innen und auch das Thema Diskriminierung, antimuslimischer Rassismus. Da wird man irgendwann müde“, erklärt er. Seine Empfehlung lautet aber: „Weitermachen, nicht aufgeben, sich das nicht nehmen lassen, sich nicht einschüchtern lassen. Weil genau das das Ziel von Menschen ist, die diskriminieren und antimuslimischen Rassismus fördern. Dass wir als Muslim:innen aufgeben statt weiterzumachen und uns komplett abkapseln. Gerade auch deswegen sollte man dranbleiben und noch stärker weitermachen. Das kann also auch ein Push-Effekt für mein Engagement sein“, betont Ibrahim und fügt hinzu: „Wir dürfen nicht vergessen: Der Islam und muslimisches Leben gehören zu Deutschland. Wir sind Teil der Gesellschaft.“