Sevim und Meryem Polat

Sevim Polat ist Heilpraktikerin und lebt seit 1993 in Stuttgart, wo sie eine eigene Praxis führt. Ihre Tochter Meryem ist in Stuttgart geboren worden und aufgewachsen. Sie ist Literatur- und Islamwissenschaftlerin und arbeitet aktuell für den Kulturverein Kubus e. V., wo sie als Projektmitarbeiterin bei der jüdisch-muslimischen Initiative Sukkat Salām tätig ist.

 

Als Sevim nach Stuttgart kam, erlebte sie die Stadtbevölkerung Muslim:innen gegenüber als verschlossen. Oft wurde ihr gesagt, sie müsse sich anpassen, den Islam weniger sichtbar leben und ihr Kopftuch ablegen. Diesen ständigen Rechtfertigungsdruck empfand sie als zermürbend, weshalb sie irgendwann entschied, entsprechende Fragen nicht länger zu beantworten. Auch in ihrer Praxis begegnete sie Vorurteilen: Patient:innen reagierten irritiert, wenn sie sie mit Kopftuch sahen. Erst als sie ihr Foto auf die Webseite stellte, wurde klar, dass dies für einige ein Hindernis darstellte – eine Erfahrung, die sie zugleich frustrierte, ihr aber auch zeigte, wie tief Vorbehalte verankert sind. Heute beobachtet sie, dass es langsam Veränderungen gibt: Auch nichtmuslimische Patient:innen kämen zunehmend zu ihr, was sie als Schritt in Richtung Normalisierung deutet. „Am Ende zählt nicht das Kopftuch, sondern die Qualität der Arbeit“, betont sie.

 
 

Meryem macht andere Erfahrungen, da sie keine sichtbare Muslima ist. Sie erinnert sich aber ebenfalls an Phasen, in denen sie sich rechtfertigen musste, etwa in Schule und Jugendzeit. Heute empfindet sie ihr Umfeld als angenehmer, betont jedoch, dass es strukturell und institutionell noch immer „extrem viel Luft nach oben“ gebe. Sie hebt die zunehmende Sichtbarkeit von Muslim:innen in Politik und Kultur hervor und betont die Vielfalt muslimischer Identitäten: „Wenn zehn Muslim:innen vor dir stehen, stehen zehn unterschiedliche Menschen vor dir.“

Sevim wünscht sich mehr Engagement innerhalb der muslimischen Community: Muslim:innen sollten ihre Präsenz sichtbar machen, sich organisieren und mutig auftreten. Sie betont Geduld, Respekt und das gemeinsame Vorangehen als wichtige Faktoren für Akzeptanz. Junge Menschen ermutigt sie, selbstbewusst aufzutreten, Netzwerke zu bilden und zu ihren Erfolgen zu stehen. „Diese Akzeptanz ist sehr, sehr schwer. Also dass jemand dich so akzeptiert, wie du bist. Wir sind das alles gewohnt. Daher: Einfach nicht aufgeben, immer weitermachen. Und dann werden wir auch irgendwann akzeptiert.“

Meryem wiederum fordert eine kontinuierliche Förderung für engagierte Muslim:innen. Sie kritisiert, dass viele Projekte rein ehrenamtlich liefen, wodurch Engagements oft nicht nachhaltig sein könnten. Muslimische Akademiker:innen und gut vernetzte Personen hätten eine besondere Verantwortung, weniger Privilegierte mitzuziehen und ihnen Zugänge zu eröffnen.

 
Diese Akzeptanz ist sehr, sehr schwer. Also dass jemand dich so akzeptiert, wie du bist. Wir sind das alles gewohnt. Daher: Einfach nicht aufgeben, immer weitermachen. Und dann werden wir auch irgendwann akzeptiert.
 

Beide Generationen betonen zudem die Resilienz der älteren Migrant:innen, die trotz Diskriminierung ihr Leben in Deutschland aufgebaut haben. Für Meryem ist es wichtig, diese Leistungen sichtbar zu machen und anzuerkennen. Sevim steht dabei selbst exemplarisch für diese Stärke: Sie hat Rückschläge erlebt, sich aber immer wieder behauptet und sieht in ihrem Lebensweg ein Beispiel, das Mut machen soll.

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Aysun Pekal

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Tuba Rahmann