Beyza Han und Atike Palaz

Atike Palaz lebt seit über 52 Jahren in Stuttgart. Bei ihrer Ankunft erlebte sie eine Zeit, in der der islamische Glaube in der Stadt fast unsichtbar war. Damals kämpfte sie mit Sprachbarrieren, Unwissenheit über das Leben in Deutschland und einem Kulturschock. Doch das hielt sie nicht ab, sich aktiv einzubringen und Anschluss zu suchen. Sie baute auch ohne Sprachkenntnisse starke Verbindungen auf, lernte ihre Nachbar:innen kennen und unterhielt sich mit ihnen mit Händen und Füßen. Ihren Nachbar:innen in Wangen erklärte Atike so, warum sie ein Kopftuch trägt und was ihr Glaube für sie bedeutet. Mit ihrem Mann gründete sie eine der ältesten Moscheen Stuttgarts mit und unterrichtete dort die Kinder jahrelang darin, den Koran zu lesen.

 

Schon damals lag ihr viel daran, Vorurteile gegen den Islam und Muslim:innen abzubauen. Gemeinsam mit ihren Freund:innen setzte sie sich ein, ging in den Dialog mit Kirchengemeinden und der Kommune und versuchte, das muslimische Leben in die Gesellschaft einzupflegen. Atike betont, dass die in Deutschland geborenen und aufgewachsenen Kinder sehr gut Deutsch sprechen und wünscht sich, dass diese jungen Menschen den Islam ebenfalls gut kennen. Dadurch sollen sie in der Lage sein, den Islam anderen Menschen, insbesondere Deutschen oder Angehörigen anderer Nationen richtig zu erklären. Sie ist überzeugt, dass der Islam bei korrekter Vermittlung mehr verstanden und akzeptiert wird.

Diese Arbeit ihrer Großeltern- und Elterngeneration schätzt Atikes Enkelin Beyza Han sehr. Beyza lebt und arbeitet in Stuttgart und ist dort auch ehrenamtlich engagiert. Für sie ist das muslimische Leben in Stuttgart facettenreich, lebendig und im Alltag durchaus präsent. Im Vergleich zur Generation ihrer Großmutter, die ihren Glauben unter viel schwierigeren Bedingungen praktizierte, sieht Beyza heute mehr Möglichkeiten, etwa die zahlreichen Moscheen, vielfältigen Gemeinden oder neuen Netzwerke. Doch trotz dieser Fortschritte erkennt sie auch klare Defizite – besonders, wenn es um Infrastruktur, Sichtbarkeit und gesellschaftliche Anerkennung geht. So fehlten für die rund 60.000 Muslim:innen in der Stadt sichtbare, alltagsnahe Orte der Ruhe, wie Gebetsräume im Zentrum. Die religiöse Praxis könne im Alltag daher nicht selbstverständlich gelebt werden, was die Teilhabe erschwere, erklärt sie.

 
 

Beyza versucht die Aufklärungsarbeit ihrer Großmutter heute fortzusetzen. Ihr ist der ehrliche Dialog jenseits von Klischees besonders wichtig. Sie kennt die ständigen Fragen zum Kopftuch, die oft von Misstrauen geprägt sind. Dennoch begegne sie all dem mit Offenheit: „Wenn ich gefragt werde, versuche ich das als Chance zu sehen – als Türöffner“, sagt sie. Ihr Glaube sei – wie es schon bei ihrer Großmutter war – die zentrale Kraft, die sie motiviere, Verantwortung zu übernehmen und sich für Gerechtigkeit einzusetzen.

Gleichzeitig bedauert Beyza, dass die vielen positiven Beiträge von Muslim:innen – etwa in der Flüchtlingshilfe oder in Bildungsprojekten – oft nicht wahrgenommen würden. Sie kritisiert: „Die Zivilgesellschaft hat vieles übersehen – vor allem das Gute, das Muslim:innen leisten.“

Ihre Appelle richten sich daher an beide Seiten: Die muslimische Gemeinschaft müsse selbstbewusst aus den eigenen Räumen heraustreten und das Zusammenleben mitgestalten. Und die Stadtgesellschaft müsse im Gegenzug langfristige Räume der Begegnung schaffen – nicht nur temporär oder projektgebunden. Für Beyza steht fest: Nur durch echte, kontinuierliche Zusammenarbeit kann ein Klima entstehen, in dem Vorurteile abgebaut und gemeinsame Perspektiven entwickelt werden können.

 
Begegnung baut Brücken – auch, wenn es manchmal Geduld braucht.
 

Besonders prägend für Beyza ist das Vorbild ihrer Großmutter. Erst durch das gemeinsame Interview für diese Ausstellung sei ihr bewusst geworden, wie sehr sie von ihr geprägt wurde – in ihrem Werteverständnis, ihrem Engagement, ihrer Haltung. Daraus habe sie gelernt, dass jede kleine Geste, jedes Gespräch und jedes Projekt dazu beitragen kann, Brücken zu bauen – zwischen Menschen, Lebensrealitäten und Religionen. Und so lautet ihr Fazit: „Begegnung baut Brücken – auch, wenn es manchmal Geduld braucht.“

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Dr. Saffet Özkaya

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Aysun Pekal