Nayif Daher

Nayif Daher ist Palästinenser, geboren in Nazareth, und kam als Kind nach Deutschland. Er wuchs in einem kleinen Dorf in Bayern auf und lebte dort zunächst ganz in der bayerischen Kultur – bis ins Jugendalter hatte er kaum Kontakt zu arabischstämmigen Menschen oder Muslim:innen. Nur in den Sommerferien beim jährlichen Familienurlaub in Nazareth. Rückblickend beschreibt er seine Form der Integration auch als eine „Entfremdung von den eigenen Wurzeln“.

 

Daraus habe sich ein leises Gefühl des Fremdseins entwickelt. „Heute weiß ich: Mir hat etwas Wichtiges gefehlt – nämlich das Gefühl der Zugehörigkeit, das für viele Menschen so selbstverständlich ist. Als Kind habe ich mich unbewusst von meinen arabischen Wurzeln entfernt, um zu meiner bayerischen Umgebung dazuzugehören. Das entwickelte sich durch den negativen Blick der Gesellschaft auf meine Herkunft, geprägt von Nachrichten und Medien, die die arabische oder muslimische Kultur ständig mit den damaligen Schattenseiten Saudi-Arabiens, den Kriegen im Irak oder später den Anschlägen vom 11. September 2001 verbanden. All das hatte natürlich nichts mit mir oder meiner Familie zu tun. Aber als Kind spürt man eben diesen abwertenden Blick“, erklärt er. Menschen, vor allem Kinder und Jugendliche, brauchen seiner Meinung nach ein grundlegendes Gefühl von Zugehörigkeit. Für Menschen mit Einwanderungsgeschichte sei das jedoch oft schwierig, da sie zwischen zwei Kulturen balancieren müssen. Aus seiner Sicht gelingt Integration am besten, wenn man die Verbindung zu seinen Wurzeln aktiv bewahrt.

 
 

Nach Stuttgart ist Nayif im Jahr 2009 gekommen. Hier hat er sein Fachabitur absolviert und danach Mathematik studiert. Die Menschen in Stuttgart empfand er lange Zeit als sehr freundlich und angenehm. „Es war hier ein feineres Miteinander zwischen den Menschen als in Bayern “, sagt er. Die Zeit der Corona-Pandemie veränderte aber dieses Grundgefühl. Die gesellschaftliche Spaltung und Hetze, die im Angstzustand gegeneinander entstand, zeigte ihm eine dunkle Seite Deutschlands.

Nayif fand seinen Zugang zur Kunst bei einem Besuch in Nazareth. Im Restaurant seines Onkels entdeckte er Bücher über islamische Kunst. Als Mathematiker faszinierte ihn diese Kunstform besonders, denn sie basiert auf der ursprünglichsten Form der Mathematik: der Geometrie. Durch sie spürte er auch die Schönheit und Erhabenheit der Kultur seiner Vorfahren. Die Symbolik der geometrischen Formen sei nicht nur von den islamischen Gelehrten und Künstlern im Goldenen Zeitalter verwendet worden, sondern von allen drei abrahamischen Religionen, um durch ihre Kunst etwas zu vermitteln. „Jede dieser heiligen Künste auf ihre eigene, spezielle Art und Weise. Aber es gibt gemeinsame Elemente, die meist aus der sogenannten heiligen Geometrie der antiken Griechen wie Platon und Pythagoras übernommen wurden. Alle diese traditionellen Künste nutzen Geometrie als universelle Sprache, um den Kern ihres Glaubens auszudrücken.“

Ursprünglich begann er mit dieser Kunst aus zwei Gründen: Zum einen, weil sie ihn beruhigt und ihn stark mit seinen kulturellen Wurzeln verbindet. Zum anderen, weil er seinen Kindern eines Tages etwas „Schönes“ hinterlassen wollte. Zu seinen Bildern erzählt er, dass islamische Kunst oft zunächst als rein dekorativ wahrgenommen werde. Doch beim längeren Betrachten entdeckten viele die Komplexität: Das Gehirn braucht Zeit, um die geometrischen Muster zu erfassen, und sucht automatisch nach Verbindungen zwischen ihnen. Die Perspektive des Auges verändert sich somit die ganze Zeit. Wenn Nayif zusätzlich die Symbolik dieser Kunst und die philosophischen Unterschiede zur traditionellen europäischen Kunst erklärt, mit der er sich ebenfalls in Form der Malerei beschäftigt, wachse das Interesse der Betrachter:innen noch mehr.

 
Wenn ich authentisch mit mir selbst bin, fühlt sich das wie Heimat an.
 

Als wir über den Gazakrieg sprachen, erzählte er, wie sehr ihn dieser traurig und wütend mache. „Die Einstellung gegenüber den Palästinensern und die Ignoranz gegenüber ihrer langen, aussichtslosen Leidensgeschichte, die in den deutschen Medien und in der Politik herrscht, trifft mich sehr“, sagt er. Das Wichtigste in dieser „Zeit der Fremde“ sei für ihn, authentisch zu bleiben. „Wenn ich authentisch mit mir selbst bin, fühlt sich das wie Heimat an.“ Diesen Rat gibt er auch jungen Muslim:innen in Stuttgart weiter.

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