Olcay Miyanyedi
Olcay Miyanyedi ist 40 Jahre alt und hat islamische Religionswissenschaft studiert. Seit zehn Jahren lebt er im Raum Stuttgart und arbeitet derzeit als Büroleiter für einen Abgeordneten des Landtags von Baden-Württemberg. Daneben sitzt er selbst im Böblinger Gemeinderat und ist seit vielen Jahren aktivistisch für Menschenrechte tätig.
Als Muslim und queere Person verbindet Olcay zwei Identitätsmerkmale, die, wie er immer wieder erlebt hat, manchen als unvereinbar gelten. Darüber sagt er: „Manchmal werde ich als Muslim diskriminiert, manchmal als queere Person. Manchmal ist es aber auch ein Zusammenspiel aus beidem.“ So erlebe er etwa, dass Gesprächspartner:innen seine Identität nutzten, um ihn gleich auf Hass aus der eigenen Community anzusprechen, die er ja erfahren müsse. Olcay wünscht sich, dass andere Menschen weniger über seine Entscheidungen richteten. Was er verlangt, sei ein respektvoller Umgang.
In seinem politischen Engagement versucht Olcay, auch als Muslim sichtbar zu sein. So setze er bewusst Themen wie Iftar-Empfänge im Ramadan und spreche auch die wachsende Muslimfeindlichkeit immer wieder an.
Das Leben in Stuttgart empfindet Olcay wegen der Diskriminierung nicht immer als einfach. Problematisch sei insbesondere die Repräsentation. Muslimische Identität werde in erster Linie dann sichtbar gemacht, wenn Probleme diskutiert werden. Positives hingegen schaffe es nur selten in die Schlagzeilen. Mehr Muslim:innen wünscht sich Olcay auch in der Stuttgarter Politik oder Verwaltung.
Danach gefragt, was die Stadtgesellschaft unternehmen kann, um die Teilhabe von Muslim:innen zu fördern, wünscht sich Olcay eine positivere Haltung gegenüber Vielfalt. Denn, so Olcay: „Je mehr Diversität, desto stärker ist eine Gesellschaft.“ Insbesondere dürfe die Gesellschaft Muslim:innen nicht mehr unter Generalverdacht stellen, damit Vertrauen wachsen und Brücken gebaut werden können. Zwar sieht er auch die muslimische Community und ihre Organisationen in der Pflicht, an sich zu arbeiten, vor allem aber müssten staatliche Institutionen ihre Vorbehalte gegen Muslim:innen abbauen. Für Olcay ist dies auch eine Frage von Macht, die eindeutig auf staatlicher Seite liege.
Seinen eigenen Beitrag durch sein gesellschaftliches Engagement sieht er darin, aufzuklären, damit sich das Bild von Muslim:innen langfristig ändert. Seine Utopie beschreibt er so: „Dass sich irgendwann einmal eine muslimische Person nicht mehr zu rechtfertigen braucht, weil sie muslimisch ist, dass sie nicht unter dem Generalverdacht des Terrors steht, nicht mehr hinterfragt wird und dass sie dieselben Chancen bekommt wie alle anderen auch.“
Jungen Muslim:innen rät er, selbst politisch aktiv zu werden. Ihm selbst sei diese Möglichkeit in der Schule gar nicht vermittelt worden. Aber es sei für Muslim:innen ganz entscheidend, in den politischen Strukturen vertreten zu sein. Dafür brauche es Kreise, aus denen sie die Kraft für ihren oft anstrengenden Einsatz ziehen können. Olcay selbst erhalte diese Energie hauptsächlich in der queermuslimischen Community. Er sagt: „Dort muss ich mich am allerwenigsten erklären. Dort fühle ich mich am wohlsten und am stärksten. Für mich ist das wie Familie.“
„Manchmal werde ich als Muslim diskriminiert, manchmal als queere Person. Manchmal ist es aber auch ein Zusammenspiel aus beidem.“
Was wünscht sich Olcay für das muslimische Leben in Baden-Württemberg? Auf der Landesebene solle es einen eigenen Beauftragten für Muslim:innen geben, der sich für deren Belange einsetzt. Olcay bemängelt: „Muslimische Themen werden je nachdem, wie die weltpolitische Lage, wie die politische Lage in Deutschland oder Europa ist, immer wieder auch von allen Parteien instrumentalisiert.“ Deshalb müssten sie, so ist er überzeugt, institutionalisiert und unabhängig von Parteipolitik werden.