Ramazan Kara
Ramazan Kara arbeitet als Designer beim SWR und ist seit vielen Jahren in Stuttgart gesellschaftlich engagiert – sowohl in der muslimischen Community als auch in politischen, kulturellen und sozialen Kontexten.
Als Bürger mit muslimischem Hintergrund erlebt er die Stadt in einem Spannungsfeld zwischen gelebter Teilhabe und struktureller Unsichtbarkeit. Zwar sei muslimisches Leben im Alltag präsent – etwa auf Märkten, im Einzelhandel oder in der Gastronomie –, doch in städtischen Institutionen, in der Politik oder in kulturellen Narrativen fehle es oft an sichtbarer Repräsentation. Besonders kritisch sieht Ramazan die einseitige Wahrnehmung von Muslim:innen über Herkunft oder Religion: „Man sieht, woher jemand kommt – aber nicht, was er oder sie leistet.“ Als Beispiel nennt er den Stuttgarter Gemeinderat: Bei einem hohen muslimischen Bevölkerungsanteil in der Stadt ist nur ein einziges Mandat von einer muslimischen Person besetzt. Diese Lücke spiegele ein strukturelles Problem – auch im Blick auf Medien, Kultur und Bildungsinstitutionen.
Doch Ramazan macht klar: Verantwortung liegt nicht nur bei der Stadtgesellschaft – auch innerhalb der muslimischen Community brauche es mehr Initiative. Oft sei das Engagement Einzelner bewundernswert, aber zu wenig sichtbar. Er wünscht sich mehr Beteiligung in Gremien wie Elternbeiräten, Bezirksräten oder Jugendparlamenten. Orte, an denen Integration konkret gelebt wird. Sichtbarkeit bedeutet für ihn: mitgestalten, mitreden und auch mitentscheiden. Dafür hält er die Kommunalpolitik für den richtigen Ort. Kommunalpolitik sei schließlich die politische Ebene, die ehrliche Arbeit leiste und bodenständig sei. „Kommunalpolitik ist für mich ein Herzensanliegen. Bundespolitik, Landespolitik, Weltpolitik sind mir zu weit weg. Das berührt nicht mein Leben, nicht meinen Alltag, nicht meine Kinder und auch nicht die Probleme, die hier zu lösen sind. Auf der kommunalen Ebene habe ich gemerkt, da können wir viel, viel mehr erreichen“, erklärt er.
Ein besonderes Anliegen ist Ramazan die Anerkennung des vielfältigen muslimischen Engagements, etwa in der Flüchtlingshilfe. Viele Moscheegemeinden seien 2015 spontan eingesprungen, hätten Kleidung, Essen oder Unterkünfte organisiert – und das oft unbemerkt von der Öffentlichkeit. Gerade das kontinuierliche Ehrenamt, häufig getragen von Frauen, Jugendlichen oder kleineren Vereinen, verdiene mehr Anerkennung.
„Integration beginnt nicht mit Institutionen, sondern mit Begegnungen.“
„Integration beginnt nicht mit Institutionen sondern mit Begegnung“, ist Ramazan überzeugt. Er glaubt fest an die Kraft der Begegnung: Gespräche mit Nachbar:innen, spontane Begegnungen, Humorformate wie „Datteltäter“ – all das wirke oft stärker als formelle Integrationsprojekte. Solch realistische Zugänge sind für Ramazan eine wichtige Ergänzung zu den bestehenden Projekten: „Wenn wir im Alltag miteinander reden, verändert sich das Bild voneinander.“ Genau darin liege auch der Schlüssel zu einer inklusiveren Stadtgesellschaft. Sein Appell an junge Muslim:innen: sich einbringen, Verantwortung übernehmen, Teil des öffentlichen Lebens sein. Und an die Stadtgesellschaft: Räume schaffen, Geschichten zulassen und migrantische Perspektiven nicht nur denken – sondern auch hören und sichtbar machen.
Ramazan ist überzeugt: Stuttgart hat das Potenzial, eine Stadt für alle zu sein – wenn sie bereit ist, alle mitzunehmen.