Deniz Kıral
Deniz Kıral von der Alevitischen Gemeinde Stuttgart ist seit über 30 Jahren in verschiedenen Kontexten aktiv. Der 48-Jährige engagiert sich unter anderem in seiner Gemeinde und ist aktuell Koordinator des Stuttgarter Rats der Religionen. Bereits als Jugendlicher, wo er Vorsitzender des Bundesvorstands des Bunds der Alevitischen Jugendlichen in Deutschland war und auf kommunaler und Landesebene für den Verband verschiedene Aufgaben übernahm, gehörte das ehrenamtliche Engagement zu seinem Alltag. Zusätzlich war er auch langjähriges Vorstandsmitglied des Stadtjugendrings Stuttgart und Landesjugendrings Baden-Württemberg.
Stuttgart empfindet Deniz als schöne und friedliche Stadt. Er wundert sich allerdings, dass dies gar nicht gesehen werde. „Dieses Friedliche kann nur bestehen, wenn die Menschen in der Stadt, die Individuen, auch etwas dafür leisten. Ich glaube, in Stuttgart wird schon sehr viel geleistet und Akteure wie ich haben daran ihren Beitrag. Das hat natürlich etwas mit meiner Religion zu tun. Das Alevitentum ist ein ganz großer Motor für das, was ich mache. Die Wertevorstellung, die wir im Alevitentum leben, ist, finde ich, für die Stadtgesellschaft sehr bereichernd“, betont Deniz. Alevit:innen hätten in Stuttgart die Möglichkeit ihren Glauben frei auszuleben und dafür sei man sehr dankbar, erklärt er weiter.
Muslimisches und alevitisches Leben in Stuttgart sei durchaus in verschiedenen Bereichen präsent, aber seiner Meinung nach fehlen die Sichtbarkeit und die öffentliche Wahrnehmung dafür. Vieles würden die islamischen Vereine genauso wie die alevitische Gemeinde ehrenamtlich leisten. Das betont Deniz mit Nachdruck: „Wir machen viel, wir sind ehrenamtlich organisiert, wir haben keinen Staat hinter uns oder keine anderen Institutionen, die uns finanzieren. Die Leute geben ihre Mitgliedsbeiträge. Da leisten wir natürlich die Arbeit, die wir leisten können. Aber wir haben keine Hauptamtlichen hier. So haben wir natürlich unsere Grenzen. In diesem Rahmen jedoch leisten wir schon viel. Es ist wichtig, dass wir diese Arbeit erbringen“, erklärt er. Die Verwaltungsspitzen der Stadt müssten dieses Engagement der Menschen mehr würdigen, indem sie z. B. häufiger Veranstaltungen der Vereine und Gemeinden besuchten. Dies sei eine Zeit lang besser gelaufen, in den letzten Jahren aber ein bisschen eingeschlafen, wie er erklärt. Hinzu komme, dass Islam und Muslim:innen in einem negativen Licht stehen. Dagegen zu arbeiten, sei natürlich sehr schwierig. „Wenn da irgendwo ein Anschlag passiert, werden alle Muslime auf einmal an den Pranger gestellt. Das ist eine Thematik, die man in der Zukunft anders angehen sollte“, sagt Deniz und fügt hinzu: „Ich glaube, das Problem ist auch die Schnelllebigkeit. Dadurch bringen positive Nachrichten allein nicht viel.“
Eine Besonderheit in Stuttgart stellt für Deniz der Rat der Religionen mit seinen 21 Mitgliedsgemeinschaften dar. Der Rat gehört in Deutschland zu einem der größten interreligiösen Gremien. „Was ich an diesem Rat schätze, ist, dass wir auf Augenhöhe miteinander kommunizieren. Das hat natürlich mit den individuellen Persönlichkeiten, die dort beteiligt sind, zu tun“, erklärt er. Der Rat sei ein tolles Beispiel für ein gelingendes Miteinander. Aktuell bringe die globale große Krisensituation mit dem Konflikt im Nahen Osten und dem Krieg in der Ukraine besondere Herausforderungen mit sich. Die im Rat beteiligten Religionsgemeinschaften leisteten hier sehr gute Arbeit, sagt Deniz. „Das ist leider aber nicht sichtbar und das wiederum ist sehr negativ“, meint er.
„Wir leben in einer schönen, friedlichen Stadt – und oft wird übersehen, dass dieser Frieden kein Zufall ist. Er entsteht durch das Engagement der Menschen, durch jeden Einzelnen, der seinen
Beitrag leistet. Und ich glaube, dass genau das in Stuttgart jeden Tag geschieht.“
Jungen Muslim:innen empfiehlt Deniz, sich noch mehr in verschiedene Kontexte der Stadtgesellschaft einzubringen und auch bei kritischen Themen, die die Mehrheitsgesellschaft betreffen, einzuschalten, nicht nur zu Islamthemen. Es sei enorm wichtig, Wege aus der eigenen Bubble heraus zu finden, wie er es ausdrückt. „Aber ich glaube, es würde den muslimischen Verbänden ebenfalls gut tun, die Jugendorganisationen sichtbarer zu machen. Wir haben als Aleviten auf Jugendebene einen Bundesvorstand, der im Bundesjugendring organisiert ist. Wir sind im Landesjugendring, wir haben hauptamtliches Personal auf Landes- und Bundesebene. Trotzdem wünsche ich mir da mehr Sichtbarkeit von meinem Verband“, erklärt er.