Gül Meryem und Bayram Çalışkan
Gül Meryem und Bayram sind ein junges Ehepaar, das in Stuttgart arbeitet und sich ehrenamtlich engagiert.
Hinsichtlich der Repräsentation muslimischen Lebens in der Stadt sind sie etwas zwiegespalten. Es gebe zwar Moscheen und Gebetsmöglichkeiten, aber diese seien eher an den Stadträndern zu finden und nicht in der Innenstadt, wo das Hauptgeschehen stattfindet und die Stuttgart insbesondere ausmache. Daher fühle es sich immer noch so an, als seien Muslim:innen und ihre religiösen Orte ein Fremdkörper in Stuttgart, der in innerstädtischen Bereichen nicht erwünscht ist. Dementsprechend gebe es auch kaum Raum für Sichtbarkeit muslimischen Lebens in Stuttgart. „Wenn ich in der Innenstadt beten möchte, finde ich keine Möglichkeit“, erklärt Gül Meryem. So geht sie manchmal in ein von Muslim:innen betriebenes Restaurant und fragt dort, ob sie ihr Gebet verrichten könne. „Aber da fühlt man sich immer noch als ein Fremdkörper, weil man irgendwie betet. Es ist also kein Ort, an dem man sich ganz wohlfühlen oder das Gebet in aller Ruhe verrichten kann. Stattdessen betet man einfach schnell, damit es erledigt ist“, beklagt sie.
Bayram wiederum hebt hervor, dass Muslim:innen politisch nicht ausreichend repräsentiert seien. „Unsere Meinung oder die Meinung der Muslim:innen wird quasi gar nicht oder sehr, sehr wenig berücksichtigt“, erklärt er. Mit 10 % sei der Anteil der Muslim:innen in der Stuttgarter Bevölkerung durchaus beachtlich. Die Stadt sollte dieses Potenzial und muslimische Anliegen noch stärker wahrnehmen, fordert er. Zusammen mit Gül Meryem wünscht er sich, dass die Stadt zum Beispiel mehr Räume der Stille oder ähnliches an zentral gelegenen Stellen einrichtet, Orte also, die allen Menschen offen stehen und an denen Muslim:innen ihre Gebete verrichten könnten.
Gül Meryem, die für die Stadt Stuttgart tätig ist, hat weder in ihrer Ausbildung in einer kleineren Kommune noch in Stuttgart Diskriminierung am Arbeitsplatz erlebt. Ihrer Ansicht nach wäre es aber wichtig, dass die öffentliche Verwaltung – auch auf den höheren Ebenen – noch bunter wird. Sie selbst trägt seit noch nicht langer Zeit ein Kopftuch und würde sich insgesamt wünschen, dass die Gesellschaft vorurteilsfreier wird. In Stuttgart gehörten Frauen mit Kopftuch zum Stadtbild, etwa auf der Königstraße. Das sei vollkommen normal. Gül Meryem bemängelt, dass Frauen mit Kopftuch heute noch in vielen Bereichen Ablehnung erfahren. Nett gemeinten Komplimenten, wie etwa „Sie sprechen aber gut Deutsch“ kann sie nichts abgewinnen. „Das sind keine Begegnungen, das sind auch keine Gespräche, das sind einfach nur Vorurteile“, ist sie überzeugt.
Bayram wiederum nimmt in Dialogprozessen die Muslim:innen stärker in die Pflicht. Der Zusammenhalt in der muslimischen Community sei nicht so, wie er eigentlich sein sollte. Wenn die Muslim:innen in der Stadt es schafften, sich zusammenzutun und für ihre Anliegen und Rechte einzustehen, dann hätte das seiner Meinung nach definitiv mehr Gewicht, als wenn fünf einzelne Verbände in einen Dialogprozess gingen, aber Vorbehalte untereinander hätten. Der erste Schritt müsse sein, „dass die Muslim:innen von innen heraus mehr Zusammenhalt zeigen“, erklärt er. Als einzelner Muslim komme man nicht weit. Man müsse sich gewissermaßen zusammenschließen. „Und je größer die Gemeinschaft, desto mehr kann man dann erreichen“, sagt er.
„Die Älteren haben sehr viel geleistet. Dafür müssen wir uns sehr bei ihnen bedanken. Aber jetzt ist die Zeit gekommen, dass die jungen Leute auch was machen müssen.“
Seine Frau Gül Meryem fügt hinzu: „Die Älteren haben sehr viel geleistet. Dafür müssen wir uns bei ihnen sehr bedanken. Aber jetzt ist die Zeit gekommen, dass die jungen Leute auch etwas machen müssen. Wir können nicht einfach so nebeneinander leben. Junge Muslim:innen fühlen sich nicht in jedem Verband wohl, aber trotzdem müssen sie eine Möglichkeit finden, zusammenzuarbeiten und sich einzubringen.“ Sie und andere junge Muslim:innen seien vielfältig, nicht nur muslimisch, sondern noch viel mehr. Aber das Muslimisch-Sein sei der gemeinsame Nenner, den alle miteinander hätten. „Wir müssen gemeinsam etwas machen. Wir müssen uns auch gemeinsam zeigen und gemeinsam an Dialogprogrammen teilnehmen. Aber wir müssen auch selbst die Türen öffnen. Es funktioniert nicht, wenn uns irgendwelche Vereine die Türen öffnen, sondern wir müssen das selbst tun. Es gibt Möglichkeiten, um uns gemeinsam einzubringen und in Diskussionen zu gehen. Diskussionen sind etwas sehr Positives, da wir in ihnen einfach auch mal aufklären können“, betont Gül Meryem. Daher sind sie und ihr Mann Bayram beide im Muslimennetzwerk Stuttgart aktiv.