Geschichte muslimischen Lebens in Stuttgart

Heute leben in Stuttgart Schätzungen zufolge 60.000 Menschen muslimischen Glaubens. Sie machen damit etwa 10 % der Stadtbevölkerung aus.

Die Geschichte der Muslim:innen in Stuttgart ist eng mit der Arbeitsmigration in die Bundesrepublik Deutschland verbunden, die auch das Wirtschaftszentrum Stuttgart prägte. Im Zuge der Anwerbeabkommen in den 1960er Jahren (Türkei 1961, Marokko 1963, Tunesien 1965, damaliges Jugoslawien 1968) kamen muslimische „Gastarbeiter“ in die Stadt. Da anfangs von einem nur vorübergehenden Aufenthalt in Deutschland ausgegangen wurde, fand die Religionsausübung zunächst provisorisch statt und blieb größtenteils unsichtbar.

Erst nach dem Anwerbestopp 1973 stellten sich Muslim:innen darauf ein, längerfristig in Stuttgart zu bleiben und holten ihre Familien nach. Zugleich begann ein Teil von ihnen sich zu organisieren und  gründete Vereine, die überwiegend nach nationaler Herkunft ausgerichtet waren. Die ersten muslimischen Gebetsräume befanden sich oft in städtischen Randlagen oder Hinterhöfen, wodurch der bis heute verbreitete Begriff der „Hinterhofmoschee“ aufkam.

Während die muslimische Bevölkerung Stuttgarts lange Zeit durch die „Gastarbeiter“ und ihre Nachkommen sowie größtenteils türkisch geprägt war, wurde die islamische Landschaft im Laufe der Zeit zunehmend divers. Dazu trug die Zuwanderung aufgrund von Fluchtbewegungen aus verschiedenen Kriegsregionen der Welt bei, in den 1990er Jahren etwa aus dem zerfallenden Jugoslawien und ab 2015 aus Syrien, Irak und Afghanistan.

Muslimisches Leben in Stuttgart zeichnet sich heute durch eine große Vielfalt aus. Neben der nationalen und ethischen Herkunft unterscheiden sich die Muslim:innen in der Stadt auch hinsichtlich der theologischen Ausrichtung. Anhänger:innen verschiedener islamischer Konfessionen leben in Stuttgart. Die muslimische Bevölkerung der Stadt ist im Durchschnitt jünger als die Gesamtbevölkerung.

Die Vielfalt spiegelt sich auch im organsierten Islam in der Stadt wider. So finden sich in Stuttgart 29 aktive Moscheegemeinden. Bis heute sind sie in der Regel anhand der nationalen Zugehörigkeit organisiert. In den Gemeinden findet eine aktive Vereinsarbeit statt, die fast ausschließlich ehrenamtlich geleistet wird. Sie geht meist über rein religiöse Angebote hinaus und oftmals bestehen eigene Gruppen für Kinder, Jugendliche und Frauen. Ein großer Teil der Muslim:innen Stuttgarts ist in keiner Moscheegemeinde organisiert.

Heute ist muslimisches Leben ein fester Bestandteil Stuttgarts. Viele der hier lebenden Muslim:innen sind nicht selbst nach Deutschland gekommen, sondern gehören bereits nachfolgenden Generationen an und fühlen sich hier zu Hause. Damit einher geht für viele der Wunsch nach Sichtbarkeit und Teilhabe am öffentlichen Leben auf unterschiedliche Art und Weise. Dies drückt sich unter anderem durch den Bau von Moscheen aus. Das erste Minarett wurde 2015 an der Moschee der bosnischen Islamischen Gemeinschaft Stuttgart im Stadtteil Wangen errichtet. Die türkisch geprägte DİTİB-Gemeinde baut derzeit eine neue Moschee in Feuerbach. In diesem Zusammenhang erleben Muslim:innen in der Stadt weiterhin Herausforderungen im Alltag. Häufig beruhen diese auf fehlendem Wissen oder Unsicherheiten im Umgang mit dem Islam und muslimischem Leben, was in verschiedenen Bereichen zu Missverständnissen führen kann.

Der Islam – eine kurze Einführung

Prägend für den islamischen Glauben sind die fünf Säulen: Glaubensbekenntnis, Gebet, Fasten, Almosensteuer, Pilgerfahrt.

  • Mit dem Glaubensbekenntnis „Es gibt keine Gottheit außer Gott und Muhammad ist der Gesandte Gottes“ wird der monotheistische Glaube und die Prophetie Muhammads (570 – 632 n. Chr.) betont.

  • Nach koranischer Aussage sollen Muslim:innen fünf Mal täglich gen Mekka ein Ritualgebet verrichten, das aus überwiegend feststehenden Texten und Körperhaltungen besteht. Vor den Gebeten wird eine rituelle Waschung vollzogen. Viele Muslim:innen nutzen für das Gebet bevorzugt einen Gebetsteppich, der sauber gehalten wird.

  • Im Ramadan, dem neunten Monat des arabischen Mondkalenders, gilt das Fastengebot. In diesem Monat verzichten viele Muslim:innen von der Morgendämmerung bis zum Sonnenuntergang auf Essen und Trinken sowie Geschlechtsverkehr. Vom Fasten befreit sind unter anderem Kranke und Reisende sowie Schwangere und Frauen in der Menstruation. Das Fastengebot gilt ab der Pubertät, wenn die geistige und körperliche Reife dafür vorhanden sind. Am Ende des Ramadan feiern die Muslim:innen das Fest des Fastenbrechens.

  • Die Almosensteuer (Zakat) ist eine jährlich zu zahlende Abgabe an Arme und Bedürftige, die nicht wie die Kirchensteuer eingezogen wird, sondern individuell verwaltet wird.

  • Einmal im Leben sollten alle Muslim:innen – sofern sie es sich leisten können – die Pilgerfahrt nach Mekka (Hadsch) unternehmen. Zur Hadsch-Zeit kommen bis zu drei Millionen Muslim:innen aus aller Welt in Mekka zusammen. Die Hadsch fällt mit dem Opferfest, dem höchsten islamischen Fest zusammen.

  • Der Koran ist das heilige Buch des Islam und gilt als eine reine göttliche Offenbarung. Diese Offenbarung soll der Prophet Muhammad im Zeitraum von 610 bis zu seinem Tod im Jahre 632 n. Chr. zunächst in Mekka und später in Medina empfangen haben. Für Muslim:innen ist ein respektvoller Umgang mit dem Koran sehr wichtig. Das heilige Buch wird im Haus an sauberen Orten platziert und niemals auf den Boden gelegt. Neben dem Koran gilt auch die Sunna, die Prophetentradition als zweite Quelle des Islam. Dabei sind die Hadithe, die Aussagen Muhammads – auch für den Alltag von Muslim:innen – von besonderer Bedeutung.

  • Die Kaligraphie ist eine beliebte Form der islamischen Kunst, die Koranverse, die islamischen Gottesnamen oder Hadithe künstlerisch darstellt.

  • Der Islam ist mit über 2 Milliarden Anhänger:innen weltweit die zweitgrößte Weltreligion. In Deutschland leben schätzungsweise 5,5 Millionen Muslim:innen. Sie gehören verschiedenen theologischen Strömungen an, legen ihren Glauben unterschiedlich aus und leben ihn auch auf verschiedene Weisen. So bleibt festzuhalten, dass Muslim:innen nicht immer im Kollektiv gesehen werden dürfen. Sie sind – wie Angehörige anderer Religionsgemeinschaften auch – Individuen und sollten als solche auch angesehen und respektiert werden.

Islamberatung im DACH-Raum

Die Ausstellung „Muslimisches Leben in Stuttgart“ wurde als eines von sechs Vor-Ort-Vorhaben des Projekts „Brückenbauen in der Kommune – Muslimische Teilhabe und gesellschaftliches Zusammenleben im DACH-Raum“ geplant und umgesetzt.

Aufbauend auf dem erfolgreichen Konzept der Islamberatung in Baden-Württemberg und Bayern begleitet es Vorhaben zum Zusammenleben mit Muslim:innen in sechs Orten in Deutschland, Österreich und der Schweiz. Damit bietet es erstmals einen länderübergreifenden interkommunalen Austausch zum Umgang mit islambezogenen Themen in der Kommune.

Stuttgart ist neben Augsburg, Basel, Dornbirn, Salzburg und Schaffhausen eine der am Projekt beteiligten Kommunen.

Das Projekt  wird von der Eugen-Biser-Stiftung verantwortet und von der Robert Bosch Stiftung gefördert.