Kamal und Dure-Samin Ahmad
Dure-Samin und Kamal Ahmad sind ein Ehepaar und haben drei Kinder. Sie leben seit 2008 in Stuttgart und gehören der Ahmadiyya Muslim Jamaat an. In der Stuttgarter Gemeinde engagieren sie sich ehrenamtlich. Während die Diplom-Betriebswirtin Dure-Samin als Finanzanalystin im Controlling arbeitet, ist der Diplom-Jurist Kamal in der Stadtverwaltung tätig.
Beide leben gerne in Stuttgart, sehen aber auch Herausforderungen. Kamal zufolge mache es keinen allzu großen Unterschied, als Muslim oder Nichtmuslimin in der Stadt zu wohnen. Viele Schwierigkeiten beträfen alle Menschen in der Stadt auf ähnliche Weise, darunter der knappe Wohnraum oder Probleme bei der Mobilität. Dass Muslim:innen in der Stadt sichtbar und präsent sind, sei es in der U-Bahn oder im Dienstleistungsbereich, aber zunehmend auch in akademischen Berufen, gebe ihm ein gutes Gefühl. Dure-Samin, die in einem baden-württembergischen Dorf mit nur sehr wenigen Muslim:innen aufgewachsen ist, fügt hinzu: „Ich finde das Leben in einer Stadt generell angenehmer als in einem Dorf. Gerade als Kopftuch tragende Frau fällt man dort stärker auf. In der Stadt gibt es viele andere Frauen mit Kopftuch. Das Leben ist einfach bunter und ich finde schön, dass hier viele Menschen mit unterschiedlicher Herkunft zusammenleben. Das macht das Leben einfach angenehmer.“
Und dennoch falle es, so höre sie es immer wieder von Muslim:innen in Stuttgart, gerade Menschen mit Migrationshintergrund schwer, eine Wohnung zu finden. Aber nicht nur auf dem Wohnungsmarkt, auch am Arbeitsplatz sei die Lage in den letzten fünf bis zehn Jahren besonders für Musliminnen mit Kopftuch schwieriger geworden und habe die Diskriminierung zugenommen.
Was fehlt muslimischem Leben in Stuttgart? Kamal wünscht sich statt der bislang vorherrschenden „Hinterhofmoscheen“ vor allem eine sichtbare Moschee mit Kuppel und Minarett in zentraler Lage. Er ist überzeugt: „Es bringt die für die Integration und Öffnung des Islams relativ wenig, wenn Gotteshäuser oder Moscheen in Randlagen, also Industriegebieten, angesiedelt sind. Für die Mitglieder sind diese schwer zu erreichen und für die Stadtgesellschaft gar nicht präsent.“ Dure-Samin sieht in geeigneten Räumlichkeiten auch die Möglichkeit, mehr Veranstaltungen für Nichtmuslim:innen anzubieten und den interreligiösen Dialog sowie den Austausch mit der Stadtgesellschaft zu fördern. In solche offenen Moscheen ließe sich die Bevölkerung besser einladen und dadurch könnten Vorurteile abgebaut werden. Bislang sei es oft herausfordernd, Räumlichkeiten für eigene Veranstaltungen zu finden.
Ehrenamtliches Engagement ist beiden Eheleuten sehr wichtig. „Jeder Muslim sollte, egal in welchem Bereich, ein Vorbild sein“, betont Kamal, zunächst in der Familie, im Umgang mit den Nachbarn, bei der Arbeit, aber auch darüber hinaus für die Gesellschaft. Als Mitglied der Ahmadiyya, hinter deren Motto „Liebe für alle, Hass für keinen“ er voll und ganz steht, ist ihm die Liebe zu den Mitmenschen ein besonders Anliegen. Kamal appelliert an Muslim:innen: „Wir sollten immer fragen: Welchen positiven Beitrag kann ich als Muslim für die Stadtgesellschaft leisten? Wie kann ich mich einbringen? Und nicht: Was kann der Staat für mich tun?“ Dure-Samin blickt dabei besonders auf die gut ausgebildeten muslimischen Frauen. Diese und ihre Leistungen in der Gesellschaft müssten noch stärker gesehen werden. Sie selbst habe sich etwa in Elternbeiräten an Schulen und Kindergärten engagiert.
Nachholbedarf sieht Kamal hauptsächlich bei der politischen Repräsentation. So seien etwa im Stuttgarter Gemeinderat keine Muslim:innen vertreten. Um die Teilhabe von Muslim:innen zu fördern, sieht Kamal diese an vielen Stellen auch selbst gefordert. Mit dem Rat der Religionen oder dem Arbeitskreis Stuttgarter Muslime der städtischen Abteilung Integrationspolitik bestünden bereits geeignete Möglichkeiten. Aber auch die Medien sieht er in der Pflicht: „Ich lese regelmäßig die lokalen Zeitungen. Da kommt das lokale muslimische Leben so gut wie nicht vor. Hin und wieder wird über die Hadsch oder das Opferfest berichtet, aber nicht darüber, was Stuttgarter Muslim:innen bewegt, was sie konkret auf die Beine stellen.“
Nach dem Engagement der Ahmadiyya-Gemeinde in Stuttgart gefragt, nennen Dure-Samin und Kamal diverse Aktivitäten wie den jährlichen Neujahrsputz, die Blutspendenaktion im Katharinenhospital, Benefizläufe namens Charity Walk and Run, Unterstützung für Obdachlose und interreligiöse Kontakte. Neben einer Jugend- gebe es auch eine Frauenorganisation. Zu einer deren Veranstaltungen, der Aktion „Ich bin eine Muslima. Haben Sie Fragen?“ auf der Stuttgarter Königsstraße sagt Dure-Samin: „Es ist so wichtig, dass wir als Musliminnen mit anderen Menschen in Kontakt treten. Denn auf persönlicher Ebene kann man Dinge noch einmal ganz anders erklären. Die meisten Vorurteile entstehen, wo kein Kontakt zu Muslim:innen, besonders zu muslimischen Frauen, besteht. Deswegen ist es sehr, sehr wichtig, dass wir mit den Menschen sprechen.“
„ Wir sollten immer fragen: Welchen positiven Beitrag kann ich als Muslim für die Stadtgesellschaft leisten? Wie kann ich mich einbringen? Und nicht: Was kann der Staat für mich tun?“
Im Vergleich zu anderen Städten erscheint es Kamal besonders positiv, dass auch seine Ahmadiyya-Gemeinde im Kontakt zu anderen islamischen Gruppen stehe. Durch die persönlichen Kontakte untereinander entstehe eine „islamische Ökumene light“.