Merve Kayıkçı

Merve Kayıkçı – auch bekannt als „Primamuslima“ – erlebt das muslimische Leben in Stuttgart als sehr vielfältig, präsent und nicht auf bestimmte Stadtteile oder Milieus beschränkt. In Stuttgart sei die Verflechtung mit der Gesamtgesellschaft spürbar. Muslim:innen sind nach ihren Beobachtungen in Landesministerien, in Weltkonzernen, aber auch in der Kultur- und Kunstszene zu sehen. Es gebe sehr viele ehrenamtliche Vereine, die von Muslim:innen geleitet oder initiiert wurden. Stuttgart hebe sich dadurch von anderen Städten ab. Muslim:innen, die in der Stadt leben, würden oft Schwäbisch sprechen und „schwäbisch ticken“.

 

Dennoch fehlt Merve die Sichtbarkeit im öffentlichen Raum. Sie wünscht sich einen Ort im Herzen der Stadt, der sowohl als Moschee – für alle Muslim:innen, ganz gleich welcher Herkunft – als auch als offener Raum für Begegnung und Dialog mit Nichtmuslim:innen zur Verfügung steht. Auch ein öffentliches Fastenbrechen im islamischen Fastenmonat Ramadan auf dem Marktplatz würde muslimisches Leben erkennbarer machen. Muslim:innen sollten, so würde es sich Merve wünschen, ein selbstverständlicher Teil der urbanen Kultur werden und sich in Bereichen einbringen, in denen das gesellschaftliche Narrativ geprägt wird, zum Beispiel in den Medien, in der Politik und in der Kunst und Bildung, aber auch in sozialen Bereichen wie Nachbarschaftsprojekten. Darin sieht Merve das größte Potenzial, auch das verzerrte Bild vom Islam zu verändern.

 
 

Muslimisches Engagement erfahre jedoch insgesamt zu wenig öffentliche Wahrnehmung, es müsse gesellschaftlich stärker wertgeschätzt werden. Dies würde Muslim:innen vielleicht auch dazu ermutigen, das eigene Engagement stärker mit ihrer muslimischen Identität zu verknüpfen und so nach außen hin zu artikulieren. Es gebe viele tolle junge Menschen, die sehr viel Energie haben und sehr motiviert sind, schöne Projekte auf die Beine zu stellen. Ein ganz großer Fehler wäre es, dies nicht zu schätzen und nicht zu fördern. Genauso ein Fehler sei es ihrer Meinung nach, wenn vor allem junge Muslim:innen, die sich in die Gesellschaft einbringen und dabei Ablehnung und Zurückweisung erfahren, frustriert aufgeben und sich zurückziehen. Sie müssten vielmehr verstehen und verinnerlichen, dass ein Schlag ins Gesicht einen auch motivieren kann, weiterzumachen. „Also jetzt erst recht. Und dann bleibe ich halt dran.“ 

Merve würde sich von beiden Seiten, Muslim:innen und Mehrheitsgesellschaft, wünschen, dass sie mehr auf einander zugehen – und zwar mit folgendem Gedanken: „Ich öffne meine Tür und mein Tor und meine Hände und meine Arme und wir probieren es aus.“ 

Merve selbst sieht sich in diesem Feld als „Brückenbauerin zwischen unterschiedlichen Lebensrealitäten“ und sagt: „Ich will Verständnis schaffen – durch Beiträge, durch Präsenz, durch Dialog. Nicht um zu gefallen oder zu provozieren, sondern um Räume zu öffnen. Räume für Austausch, für Perspektiven, für differenzierte Geschichten. Ich habe gelernt: Toleranz beginnt bei der Bereitschaft, Vielfalt auszuhalten – auch in der eigenen Community.“

 
Ich sehe mich als Brückenbauerin zwischen unterschiedlichen Lebensrealitäten. Ich will Verständnis schaffen – durch Beiträge, durch Präsenz, durch Dialog.
 

Die Bezeichnung „Primamuslima“, mit dem die junge Journalistin und Podcasterin bekannt geworden ist, sei ein ironisches Wortspiel, angelehnt an „Primaballerina“. Es spiele mit der Erwartung, eine Vorzeigemuslima sein zu müssen – einer Erwartung sowohl der Mehrheitsgesellschaft als auch von Teilen der islamischen Community. Merve dazu: „Ich bin keine perfekte Muslimin, aber wer ist das schon? Ich wollte mit dem Namen zeigen, dass man religiös sein kann, ohne sich normativen Erwartungen unterzuordnen – mit Humor, aber auch mit Tiefe.“

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Shahnura Kasim

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Jwanita Khatib