Emina Čorbo - Mešić
„Ich finde das Leben als Muslima in Stuttgart ambivalent. Auf der einen Seite gibt es Offenheit und vielfältige Möglichkeiten zur Teilhabe. Andererseits fehlt es mir oft an echter Repräsentation und Begegnung auf Augenhöhe“, sagt die in Stuttgart geborene und aufgewachsene Emina Čorbo - Mešić. Sie ist von Beruf aus Pädagogin und Bildungsreferentin und seit über zwei Jahrzehnten im interreligiösen Dialog sowohl ehrenamtlich als auch beruflich tätig. Aktuell ist sie die Sprecherin der Stiftung Sunnitischer Schulrat, die für den islamischen Religionsunterricht in Baden-Württemberg zuständig ist, und als Schulentwicklungsplanerin beim Schulverwaltungsamt der Stadt Stuttgart tätig.
Muslimisches Leben werde gesellschaftlich häufig auf religiöse und oder integrationspolitische Fragen reduziert. Das werde der Realität und der Vielfalt nicht gerecht, bemängelt Emina. Sichtbarkeit allein reiche nicht, sie müsse mit echter Zugehörigkeit und Teilhabe einhergehen. Muslim:innen seien in den Behörden immer noch zu wenig repräsentiert und in den öffentlichen Institutionen kaum vertreten. Es fehle eine differenzierte, alltagsnahe Wahrnehmung in der Gesellschaft, so Emina weiter. Stattdessen erlebe man häufig, wie in den Medien oder auch in der Öffentlichkeit allgemein negative Schlagzeilen dominierten, die Selbstverständlichkeit der Muslim:innen in Stuttgart aber nicht sichtbar werde.
Viele Muslim:innen engagierten sich schon lange ehrenamtlich, vor allem in den Moscheegemeinden. Doch das werde gesellschaftlich kaum geschätzt. Emina würde sich wünschen, dass Muslim:innen sich stärker politisch engagierten und sich noch stärker trauten, in Bereiche zu kommen, in denen sie nicht gut repräsentiert sind. „Wir Muslim:innen tragen aus religiöser Überzeugung eine Verantwortung, uns zu integrieren und Teilhabe zu zeigen“, betont sie. Viele hätten Hemmungen, sich in Bereichen, die sie nicht kennen, zu engagieren. Die negative Berichterstattung nehme ihnen Kraft und Selbstbewusstsein. Aber das müsse man versuchen beiseite zu schieben und trotzdem zu handeln. Es sei wichtig, sich bereits als Jugendlicher zu engagieren, sei es im Jugendhilfeausschuss, in Gewerkschaften, in Bürgerdialogen und dabei die gebotenen Möglichkeiten auszuschöpfen, fordert sie.
Emina versucht mit ihrem Wirken eine Brückenfunktion einzunehmen. Sie sei gerne zwischen den Kulturen unterwegs und vermittle. „Ich kann der einen Seite die Angst nehmen und sie begleiten zu einem besseren Austausch mit der anderen Seite, die sie gar nicht kennt“, meint sie.
Wenn es um den Dialog geht, gerät sie so richtig ins Schwärmen: „Es erfüllt mich mit unheimlich viel Glück, wenn Menschen verschiedener Ansichten zusammenkommen und daraus vielleicht auch noch etwas Wundervolles entsteht. Jeder hat an der einen oder anderen Stelle so seine Ansichten – Dialog kann sie ein bisschen zum Positiven verschieben. Vorurteile haben alle Menschen und nur durch Begegnung und Zuhören kann man dem entgegenwirken. Und wir als vielfältige Gesellschaft in Stuttgart haben keine Alternative zu diesem Austausch mit den verschiedenen Menschen dieser Stadt. Dann wird auch Vielfalt als Bereicherung und nicht als Bedrohung angesehen. Aber leider sind die negativen Debatten immer noch viel lauter als der selbstverständliche Teil der muslimischen Bevölkerung in Stuttgart“, erklärt sie.
„Mein Glaube verpflichtet mich, mich einzubringen, Verantwortung zu übernehmen und Teil dieser Gesellschaft zu sein.“
Eine Tatsache bedauert Emina ganz besonders: Dass von Muslim:innen in Dialogprozessen immer noch sehr viel Mitarbeit auf ehrenamtlicher Basis verlangt werde. Stattdessen sei es wichtig, dass Muslim:innen mehr Chancen bekommen, in verschiedenen Behörden und Institutionen beruflich tätig zu sein.