Ahmad Al Saadi
Ahmad Al Saadi wurde als Palästinenser in einem Flüchtlingslager in Damaskus geboren. Er studierte Architektur, musste jedoch 2012 während des syrischen Bürgerkriegs nach Deutschland fliehen. Zunächst kam er nach Berlin, später nach Chemnitz. Dort verbrachte er die ersten Monate in einer Erstaufnahmeeinrichtung, lernte die deutsche Kultur kennen, engagierte sich in einem alternativen Wohnprojekt und erlernte schnell die deutsche Sprache. In Chemnitz begann er im Bereich der sozialen Arbeit in einer Erstaufnahmeeinrichtung tätig zu werden. Später leitete er Flüchtlingsunterkünfte in Sachsen und Stuttgart.
Besonders prägend für ihn war die Leitung von Notunterkünften während des starken Flüchtlingszuzugs 2015. Die Geburt seines Sohnes im Jahr 2015 veranlasste ihn, dauerhaft in Stuttgart zu bleiben. Während der Corona-Pandemie entschied er sich für neue berufliche Herausforderungen und arbeitet seitdem in der politischen Bildung. Seine erste Erfahrung in diesem Feld war „Schalom und Salam“, ein jüdisch-muslimisches Begegnungs- und Bildungsprojekt, das den Dialog zwischen den Religionen stärkt und rassismuskritische Bildungsarbeit leistet.
Ahmad betont, dass Stuttgart für ihn Heimat geworden sei: Die muslimische Community sei hier sichtbar und aktiv, wodurch er erstmals das Gefühl bekommen habe, als Palästinenser und als Mensch mit voller Existenzberechtigung wirklich anzukommen. So erklärt er: „Nach mittlerweile neun Jahren in Stuttgart kann ich sagen: Diese Stadt ist mein Zuhause. Ich kenne mich hier aus, habe viele Freund:innen, erstaunlich viele sogar. Ich habe hier eine schöne Existenz aufgebaut. Mein Sohn ist mittlerweile auf dem Gymnasium in Stuttgart. Er ist angekommen. Er ist Stuttgarter. Und ich bin es auch. Stuttgart ist zu Hause.“
Sein muslimischer Glaube ist für Ahmad zentral. Er verstehe sich als deutscher Muslim, der sowohl seine arabischen Wurzeln als auch die deutsche Kultur lebe. Ahmad sieht den Islam in Deutschland als spirituellen Weg und Lebensstil, der nicht ideologisch instrumentalisiert werden dürfe. Gleichzeitig engagiert er sich dafür, Muslim:innen in Stuttgart sichtbarer zu machen, demokratische Teilhabe sicherzustellen und Räume zu schaffen, in denen religiöses Leben selbstverständlicher Teil der Stadtgesellschaft wird. „Wenn ich auf Stuttgart blicke, sehe ich, dass erste Bemühungen erkennbar sind, Muslim:innen stärker einzubeziehen. Ich spreche hier aus meiner eigenen Erfahrung – ich bin in diesem Bereich aktiv, bringe viel Engagement mit ein, und sehe auch, dass sich einiges bewegt. Es gibt Initiativen in der Zusammenarbeit mit der Stadt Stuttgart, Arbeitsgruppen wie den Arbeitskreis Muslime, Vereine wie den Muslimischen Begegnungs- und Gebetsraum oder das Muslimennetzwerk Stuttgart. Die ersten Schritte sind gemacht. Die Kommunikationskanäle zwischen Stadt und muslimischen Gemeinden sind geöffnet“, erklärt er.
Ahmad reflektiert die gesellschaftlichen Diskurse über Islam, Gleichberechtigung, Demokratie und Menschenrechte. Er betont, dass patriarchale Strukturen oft kulturell, nicht aber religiös bedingt seien, dass Islam und Menschenrechte vereinbar seien und dass der Glaube eine persönliche, vertikale Beziehung zu Gott darstelle. Er hebt hervor, dass Palästinenser:innen trotz jahrelanger Diskriminierung und Leid ein starkes Gerechtigkeitsempfinden und Resilienz entwickeln hätten. Diese Resilienz, verbunden mit Glauben, hat Ahmad durch alle Herausforderungen getragen und motiviert ihn zu gesellschaftlichem Engagement. „Ich habe für mich entschieden, dass ich mich nie in Ohnmacht verliere, sondern versuche, immer aktiv zu bleiben, zu handeln“, betont er.
„Ich habe für mich entschieden, dass ich mich nie in Ohnmacht verliere, sondern versuche, immer aktiv zu bleiben, zu handeln.“
Ahmads Geschichte zeigt, wie persönliche Erfahrungen von Schmerz, Exklusion und Staatenlosigkeit zu einer aktiven, solidarischen Haltung und einem tiefen gesellschaftlichen Verantwortungsbewusstsein führen können. Er verbindet palästinensische Identität, muslimischen Glauben und deutsche Lebensrealität zu einer reflektierten, integrativen Vision, in der Teilhabe, Gerechtigkeit und interreligiöser Dialog im Mittelpunkt stehen.