Rachaa Chahade
Rachaa Chahade ist Lehrerin sowie Bildungsreferentin und dabei auch in der Lehrkräfte-Fortbildung im Bereich des antirassistischen Arbeitens tätig. Dazu gehören die Schwerpunkte antimuslimischer Rassismus, Antisemitismus und diskriminierungskritisches Arbeiten.
Ehrenamtlich engagiert sie sich aktuell in den beiden Initiativen „Yad be Yad“ und „Sukkat Salām“, die sich mit Antisemitismus, antimuslimischem Rassismus und dem Dialog zwischen Jüd:innen und Muslim:innen auseinandersetzen.
Muslimisches Leben in Stuttgart ist nach ihren Beobachtungen unterrepräsentiert. Rachaa wünscht sich mehr Teilhabemöglichkeiten und dass Muslim:innen mehr als Teil der Gesellschaft gesehen werden. Dafür müssten sich Politik und Stadtgesellschaft stärker für Islamthemen öffnen, nicht nur in einzelnen Aktionen. Vielmehr seien aktive Kooperationen mit Moscheegemeinden und anderen islamischen Einrichtungen notwendig, aber auch, dass mit Muslim:innen selbst mehr gesprochen werde als über sie und ihre Meinungen berücksichtigt werden. Rachaa merkt an, man höre selten etwas Positives über muslimisches Leben, etwa dass dieses eine Bereicherung sei, oder zu Toleranz oder Vielfalt beitragen könne.
Muslim:innen könnten allerdings auch einen Beitrag zum besseren Zusammenleben leisten, ist Rachaa überzeugt. So könnten sie sich ehrenamtlich auf unterschiedliche Art und Weise engagieren etwa in den vielen Vereinen. „Dass man da auch Brücken schlägt, finde ich total wichtig. Wir dürfen nicht in der Community bleiben, sondern unsere Community muss sich öffnen, etwa indem man einen Tag der offenen Tür anbietet oder aber auch gemeinschaftliche Aktivitäten. Das muss alles nicht unbedingt nur mit der Religion zu tun haben“, erklärt Rachaa. Durch Engagement für die Gesellschaft könnten Muslim:innen zeigen, dass es ihnen nicht nur um ihre eigene Community geht. „Diese Gesellschaft soll so aussehen, dass jeder und jede gesehen, geachtet und respektiert wird“, meint sie.
Rachaa, die als Tochter geflüchteter Palästinenser:innen in Deutschland geboren wurde, kann mit dem Begriff der Integration für sich selbst nicht viel anfangen. „Integrieren bedeutet eben, man nimmt jemanden auf. Aber ich wurde ja nirgends aufgenommen, sondern wurde hier in diesem Land geboren, bin Teil des Landes und das Land ist Teil meiner Identität. Ich plädiere daher für Gleichberechtigung und Zugehörigkeit“, betont sie.
Ihr Glaube spielt in Rachaas Leben eine immer größere Rolle, vermittelt er ihr doch Werte, die sie leiten. Dazu gehört für sie vor allem, dass man sich für eine friedliche Gemeinschaft einsetzen soll. An ihrer Schule initiiert Rachaa Aufklärungsarbeit in Form von interreligiösen und interkulturellen Aktionen. Zum Beispiel habe sie gemeinsam mit einer Kollegin einen Ramadan-Kalender aufgebaut und individuell gestaltet. Muslimisches Leben und der Islam an sich seien damit in der Schule sichtbar gemacht worden. Die muslimischen Schüler:innen hätten sehr positiv darauf reagiert und sich gesehen gefühlt. Aber es sei auch sehr viel an Aufklärungsarbeit geleistet und Fragen zum Fasten im Islam beantwortet worden. Zudem wurden gemeinsame Fastenbrechen sowie interreligiöse und interkulturelle Aktionen veranstaltet, die auch sehr gut ankamen und gut besucht waren.
„Diese Gesellschaft soll so aussehen, dass jeder und jede gesehen, geachtet und respektiert wird.“
Rachaa wünscht sich, dass die Mehrheitsgesellschaft insgesamt mehr Schritte auf Muslim:innen zu machen würde. Und sie beklagt den Zustand, dass Muslim:innen nicht selten das Gefühl vermittelt werde, dankbar sein zu müssen. „Wofür soll ich denn dankbar sein?“ fragt sie und fügt hinzu: „Ich bin froh, dass ich in einem Land lebe, das friedlich ist. Ich bin froh, dass ich Möglichkeiten habe. Aber all das, was ich erarbeitet habe, geschah durch mich und vielleicht mit ein bisschen Glück. Aber ganz oft war es eigentlich nur Arbeit. Daher frustriert mich, dass Muslim:innen gegenüber immer so eine Anspruchshaltung an den Tag gelegt wird, sie müssten erst etwas tun, um ganz dazu zu gehören. Nein, müssen sie nicht, sondern man muss offen sein“, betont sie. Sie wünsche sich deshalb mehr offene Räume, in denen man sich einbringen könne und es irgendwann einmal gar keine Rolle mehr spiele, wer man sei und welche Religion man habe, sondern dass es so ist, wie die Menschenrechte es vorsehen: Jeder Mensch ist gleich und hat die gleichen Rechte.