Gökçen Sara Tamer-Uzun
Gökçen Sara Tamer-Uzun ist Lehrerin und an der Pädagogischen Hochschule Ludwigsburg für die Ausbildung von muslimischen Religionspädagog:innen für den islamischen Religionsunterricht verantwortlich. Sie ist in vielen Bereichen aktiv und Mitglied in mehreren Expert:innengremien, etwa dem des Beauftragten des Landes Baden-Württemberg gegen Antisemitismus und für jüdisches Leben. Als eine sehr engagierte Muslima ist sie in Stuttgart, aber auch weit darüber hinaus bekannt und geschätzt. Interreligiöser und innerislamischer Dialog liegen ihr als gelebte Verantwortung am Herzen.
Gökçen lebt seit über 20 Jahren in Stuttgart und, so macht sie deutlich, liebt es, hier zu leben. Die Stadt biete kulturell viel und sei wie ein kleiner Mosaikhaufen – bunt, vielschichtig und voller Kontraste. „Als Muslima finde ich das interessant und schön. Ich fühle mich hier auf jeden Fall verstanden. Aufgehoben, aber nicht wirklich sichtbar. Das liegt auch daran, dass unsere muslimische Community sehr vielfältig ist, was gleichzeitig unsere Stärke ist. Ich gehe gerne zu unterschiedlichen Verbänden und verstehe mich dabei als Vermittlerin, die innerislamisch wie interreligiös auf das Verbindende aufmerksam macht“, erklärt Gökçen. Jedoch vermisst sie Aktionen und strukturelle Räume, die die verschiedenen muslimischen Strömungen als ein gemeinsames, heterogenes Ganzes gesellschaftlich verbinden, etwa ein gemeinsames Zelt zum Iftar im Fastenmonat Ramadan oder gemeinsame Bildungswerkstätten für Jugendliche. Dies könne eine Gelegenheit bieten, um mit den Menschen in Stuttgart ins Gespräch zu kommen und zu zeigen, dass man ein Teil dieser Stadt ist und sie mitgestaltet. In diesem Zusammenhang bedauert sie zwei Dinge: Zum einen, dass sich Muslim:innen schwer tun, gemeinsam zu arbeiten. „Wenn muslimische Verbände sich zusammentäten und Begegnungsräume auf die Beine stellen könnten, wäre das einfach genial. Denn wir brauchen unsere eigenen Räume, in denen der innerislamische Austausch gefördert wird“, betont sie. Zum anderen vermisst sie, dass die Verwaltungsspitzen der Stadt ihren muslimischen Bürger:innen zumindest zu ihren Festen gratulieren.
Muslim:innen sollten sich ihrer Meinung nach insgesamt trauen, mehr „nach vorne zu gehen, lauter zu sein, im Sinne von selbstbewusster, dialogfähiger und bereit, Verantwortung im öffentlichen Raum zu übernehmen“, wie sie sagt. „Wir können Brücken bauen und uns bei konkreten gesellschaftlichen Fragen einbringen“, ist sie überzeugt.
Gökçen war im Schuljahr 2006/07 in Stuttgart die erste Lehrerin, die den islamischen Religionsunterricht durchgeführt hat und erinnert sich: „Es war damals ein Pilotprojekt, aber ich wollte von Anfang an zeigen: Wir sind nichts Exotisches. Wir sind Normalität. Genauso normal wie katholischer oder evangelischer Religionsunterricht. Aber für die Menschen waren wir fremd.“ Mit Aktionen zu den islamischen Festtagen habe sie dann versucht Aufklärungsarbeit zu leisten. Jungen Muslim:innen gibt sie immer wieder mit: „Wir gehören dazu!“. Zu ihr gehörten verschiedene Rollen, so auch ihr Bekenntnis zum Islam, betont Gökçen: „Ich bin Mutter, ich bin Lehrerin, ich bin Dozentin, ich bin Bürgerin dieses Landes, ich bin Stuttgarterin. Aber ich bin auch Muslimin!“
„Ich bin Mutter, ich bin Lehrerin, ich bin Dozentin, ich bin Bürgerin dieses Landes, ich bin Stuttgarterin. Aber ich bin auch Muslimin!“
Eines ist Gökçen enorm wichtig: Spreche man über gleichberechtigte Partizipation von Muslim:innen in Stuttgart, dann müsse auch über strukturelle Rahmenbedingungen gesprochen werden. Viele muslimische Akteur:innen seien ehrenamtlich engagiert und investierten viel Freizeit, um Workshops zu organisieren, Projekte zu stemmen oder an Dialogveranstaltungen teilzunehmen. Im Unterschied dazu stünden in anderen Religionsgemeinschaften häufig hauptamtliche Mitarbeiter:innen zur Verfügung, die institutionell getragen und finanziert würden. Dies sei ein struktureller Unterschied, der sich direkt auf die Wirkungsmöglichkeiten auswirke. „Was wir brauchen, sind daher nicht nur einzelne Personen, sondern ganze Teams – professionell, bezahlt und langfristig aufgestellt. Nur so kann muslimisches Engagement auf Augenhöhe mit anderen religiösen Trägern stattfinden. Solange Strukturen fehlen, ist die oft geforderte Gleichbehandlung in der Praxis schwer umsetzbar“, betont Gökçen.